Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 25/2003

Albumcover

Radiohead
Hail To The Thief

Mit was kommen Thom Yorke und seine Kollegen denn nun diesmal um die Ecke? Schon wieder undurchsichtiges Elektronikgebrumme, oder doch mal wieder Gitarrenmusik? Solche und ähnliche Fragen konnte man in den meisten Musikmagazinen Europas lesen. Jetzt ist es soweit! „Hail to the thief“ ist draußen!

Obwohl Thom Yorke uns in irgendeiner Zeitschrift versicherte, dass es eine Art „Ok Computer 2“ wird, klingt das Album wieder ganz anders. Das Computergebrumme konnten sich rAdiohead immer noch nicht abgewöhnen. Es ist aber schon sehr zurückhaltend geworden, so dass es schon fast ästhetisch klingt. Während die Meisten Menschen bei den letzten beiden Alben „Kid a“ und „Amnesiac“ fast gar keinen Zugang zu der Band hatten, Tun sich hier neue Welten auf. Man hat das Gefühl, einen Hörfilm zu „Sehen“, indem uns Radiohead durch ihre ganz eigene Welt führen wollen. Gleich beim Ersten stück „2+2=5“ wird man in eine ziemlich verzerrte Tonlandschaft eingeladen. Die Gitarren hauchen langsam, und Thoms stimme säuselt, und man könnte an eine grüne Wiesenlandschaft, oder einen ruhigen Sommermorgen denken, aber irgendwas, es könnte das leichte schon erwähnte Computergebrumme sein, ermahnt einen, an etwas Bedrohliches zu denken. Irgendwas ist im Busch. Und dann erhebt sich ein brausender Orkan von Gitarren, Drums, Synthesizern, und Thom Yorkes aggressiver, und gleichzeitig ängstlicher Stimme, und man „sieht“ wie sich die grüne Wiesenlandschaft in verschwommenes grünschwarz verwandelt, die Sonne sich verzieht, auf den Bäumen komische Gestalten sichtbar werden, und die Singvögel zu Raben werden.

Der Erste Track ist zu Ende, und jeder, der vorher keine Drogen genommen hat, fragt sich, ob er es nicht doch tun sollte, um den Rest des Albums zu verstehen. Aber man bleibt doch hängen, und verschiebt das mit den Drogen auf später. Denn Track 2 hat bereits angefangen, und man ist wieder ganz in der „wunderbaren Welt von Radiohead“. Irgendwie muss die Grüne Wiese, die ja zum Schluss des ersten Tracks keine mehr war, in eine andere Dimension geraten sein. Thom Yorke singt beschwörend: „Sit down, stand up“, und in der Zweiten Stimme irgendwas anderes , was man aber wegen der ersten Stimme nicht versteht. Und man bekommt das Gefühl, dass es zwei verschiedene Bilder sind, die man „sieht“. Auf der einen Seite, Lagerfeuer, auf der anderen Seite, ein Geist, der ausgetrieben werden soll. Ab da fängt man dann an, das Album zu verstehen, und wundert sich über gar nichts mehr. Es ist, wie eine Art Computerspiel, in dem das Gute, das Böse besiegen soll, und wo man von Etappe zu Etappe seine Aufgaben lösen muss. Von Track zu Track gerät man in mittelalterliche Folterkammern, wo man sogar meinen könnte, die Peitschenhiebe zu hören, man durchläuft die Stelle, wo die Geliebte des Helden ermordet wird, und zum Schluss gewinnt natürlich das Gute. Im Vorletzten Track singt Thom Yorke: „I’m okay now.“ Und man denkt. Na Gott sei dank! Zum Schluss wacht man dann auf, und denkt: Na so schlimm war’s doch gar nicht, oder doch?

Wer sich auf den Trip einlässt, auf den Radiohead uns schicken, der wird nicht drum herum können, danach die kranken Bilder nicht mehr aus dem kopf zu kriegen. Und wer sich nebenher auch noch die Texte gibt, die wirklich wie Thoms Leidensgeschichte an die Welt klingen, der wird auf jeden Fall zum Nachdenken gebracht. Denn da kann Thom Yorke so oft er will sagen, dass das Album nicht politisch sei, die Texte sind es! Zwar schön verpackt in eine spacige Hülle, aber sie spiegeln nichtsdestotrotz die Ängste eines Menschen wieder, der in einer Welt lebt, die von „Monstern“ beherrscht wird, der sich wehrt, und unter ihnen leidet. Wer die Monster nun in Wirklichkeit sind, könnte aus dem Titel „Hail to the thief“ abgeleitet werden. Das war nämlich wohl eine Art Antiwahlspruch gegen einen früheren amerikanischen Präsidenten, dessen Vater auch schon Präsident war, und der nur deshalb an die Macht kam, weil er einflussreiche Freunde hatte. Und so viele Amerikanische Präsidenten, deren Väter auch schon Präsidenten waren, gibt’s ja nun nicht!

Aber ob politisch oder nicht, Radiohead sind zurück! Mit einem Album, was nicht nur ein äußerst intelligentes Kunstwerk mit einem wunderschönen Cover ist, sondern auch endlich mal wieder halbwegs verständlich wirkt. Man kann es sich anhören, ohne dabei Kopfweh zu kriegen, wie bei „Amnesiac“ oder „Kid a“, die vor lauter Elektronischen Stromschlägen sämtliche Gehirnzellen betäubt haben. Das Cover ist diesmal eine Art Stadtkarte, mit Straßennamen, und Leitfäden. Dazu gibt’s Alternativnamen für die einzelnen Tracks. Auf jeden Fall ein Album, was man als eines der Highlights in diesem Jahr sehen kann!

(Text: Amy Zayed, CampusRadios NRW)

Anspieltipps

  • Mo: 2+2=5
  • Di: Sit down, stand up
  • Mi: Where I end and you begin
  • Do: There there
  • Fr: Sail to the moon

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