Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche KW20/2012

Albumcover

Poliça
Give You The Ghost

Das nennt sich dann wohl kollegiale Unterstützung: Jay-Z twitterte jüngst seine Begeisterung für ein Musikvideo. Ein schlichter Schwarz-Weiß-Clip, der eine tanzende, zerbrechlich-androgyne Frau in weißem Flatterkleidchen zeigt. Ihr Name ist Channy Leaneagh und gewinnt mit Kollege Ryan Olson derzeit Musikfachpresse bis Zeitungsfeuilletons für sich. Mit einer Sache, die ursprünglich nur als praktisches Experiment zur Frage „Reicht unser musikalisches Talent eigentlich für mehr als unserer eigenen Bespaßung?“ gedacht war. Die Antwort hat sich als „Ja“ herausgestellt. Und das vollkommen zu Recht. Eine Erklärung.

Im Grunde genommen machen es Poliça einem nicht gerade einfach. Da poppt sofort eine Horde einzelner fälschlicher Assoziationen auf, wenn man erst mal nichts oder zumindest sehr wenig über das Projekt weiß. Zwei ihrer prominenten Fans könnten mit Justin Vernon (Bon Iver) und Jay-Z musikalisch wohl kaum gegensätzlicher sein, auch wenn beide auf Kanye Wests LP „The Throne“ mitmischten. Poliça hingegen klingen anders und führen auf falsche Fährten. Ihr Name ist ein polnischer, trotzdem sind Olson und Leaneagh US-Minneapolitaner. Sie machen elektronischen Indie-Pop, haben aber einfach mal gar keine Gitarre und entbehren somit dem Instrument, das in 99% der Fälle mit diesem Genre geradezu verwachsen ist.

Poliça machen exzessiv Gebrauch von Auto-Tune, korrigieren damit aber keine Tonhöhen, sondern splitten das weibliche Organ ungehemmt in viele klitzekleine Einzelstimmchen auf. Das Motiv des Sich-Teiles taucht dabei immer wieder auf: Im Video zur Single „Lay Your Cards Out“ entstehen mit Hilfe eines psychedelischen Prismas viele einzelne Sängerinnen. Welche von den diversen Leaneaghs nun die echte ist, bleibt dahingestellt. Sie ist einfach nicht zu fassen. Eine Tatsache, die genau so gut auf das Klangbild der Band und das inhaltliche Hauptthema der Platte -die klassische Sinn- und Identitätssuche- anzuwenden ist. Poliça zerfließen in den Händen, sobald man sie zu greifen sucht.

Die Verzerrung macht die Stimme der einstigen Folksängerin Leaneagh noch dünner als sie eigentlich schon ist. Verblüffenderweise verliert sie dabei aber nicht an Kraft, sondern wirkt mittels der hierdurch entstehenden Auffälligkeit auf ihre ganz eigene Weise kraftvoll. Die unzähligen zarten Vocals können ohne große Mühe der Gewalt verzerrter Bässe und heran rollender Drums, wie sie etwa in „Violent Games“ zu finden sind, die Stirn bieten. Kaum verwunderlich ist es da, dass die Frontfrau ihre Stimme bei Konzerten wie ein Gitarrist mit diversen Effekttrittpedalen hervorzuheben pflegt und so Poliça doch noch ihre -in diesem Falle menschliche- Indie-Gitarre findet. So ersetzten die hallenden Vocals im hypnotisierenden „Amongster“ und dem wunderbar melancholischen „Wandering Star“ die  schwermütigen und langsamen Basis-Moll-Akkordschemata des sonst so obligatorischen Sechssaiters.

Seit James Blake weiß die Musikwelt, dass Auto-Tune nicht -wie einst von Jay-Z behauptet „dead“ ist. Seit Poliça wird klar, wie die nächste Generation von Auto-Tune aussieht: Nicht entrückt, sondern entmenschlicht und geisterhaft; der Titel des Debüts der Amerikaner ist Hinweis genug. Aber sind Poliça deswegen unnahbar? Ja und nein. „Give You The Ghost“ ist klinisch und kühl, schwebt mehr als dass es warme und greifbare Klänge beinhaltet. Ihr Debüt ist klanggewordene Nacht. Lau-elektronisch und unaufdringlich, gleichzeitig aber mit einem ganz eigenen Zauber, der es den Sinnen nicht erlaubt, müde zu werden. Wo Jamie Woon auf seiner LP „Mirrorwriting“ (2011) mittels schmeichelnd-warmer Stimme ein Kontra zum elektronischen Instrumentarium setzte, treiben Poliça selbiges auf die Spitze. Selbst „I See My Mother“, das ein an für sich recht warmes Saxofon-Sample nutzt, fügt sich mittels dicht-knisterndem, schrabbeligem Percussioneinsatz in den dominierenden kühlen Sound. So lassen sich vor allem auch Parallelen zu Grimes, Frankie Rose oder Zola Jesus ziehen, deren Schnittmenge Poliça ergeben würde. Sie pendeln zwischen dem zarten Fledermaus-Quietschigen ersterer und bringen die Abgeklärtheit der Letztgenannten ins Spiel. Von allen Kolleginnen nehmen sie den atmosphärischen Hall mit und bringen diese Motiv gekonnt zu mehr Präzision. Das Verblüffendste an Poliça ist aber wohl: Gerade dieses Klinische und Kalte, diese Nicht-Greifbare, bringt dem Hörer die Musik näher, anstatt ihn auf Distanz zu halten.

Das Phänomen ist einfach so interessant, dass das Ohr unweigerlich darauf anspringt und nach mehr Knistern schreit. Auch Justin Vernon von Bon Iver dürstet es nach mehr: „They're the best band I've ever heard", sagte er kürzlich über seine Freunde. Kann man sich auf die Fahnen schreiben. (Hannah Milena Seichter, CampusFM)

Links: Webseite | Facebook | Label

Anspieltipps

Lay Your Cards Out, #5
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Amongster, #1
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I See My Mother, #2
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Violent Games, #3
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Wandering Star, #10
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