Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 12/2004

Albumcover

Phoenix
Alphabetical

Sommer. Schäfchenwattewolken überfahren einen, während nebenan der Schmetterlingslandeanflugbeobachter im satten, duftenden Gras mit den Marienkäfern flirtet. Die Sonne belacht, die caramel-gebräunten Beine im sanft umspülenden Meerwasser gedippt, unermüdlich die Sandburg vor der Flut beschützt, sich einbuddeln lassen aber dann doch lieber ein Buddelschiff gekauft. Sich von den Grashalmen unter den Füßen kitzeln lassen und abends unter freiem Himmel mit Lagerfeuer-Westerngitarrenklassikern den glutroten Feuerball hinter den Horizont verabschiedet. Abends, wenn die Luft schon etwas kühler ist, was sie noch viel reiner und erfrischender schmecken lässt. Das Ganze wahlweise in selbstvergessener Abgeschiedenheit oder mit den besten Freunden in entspannter Urlaubs-Atmosphäre.
Der perfekte Soundtrack zu diesem unendlich intensiven Feeling war „United“, das Debüt-Album der französischen Band Phoenix. Musik, die einen vergessen lässt, erinnert und den Kopf einfach leer fegt. „United“ war eine Offenbarung, ein kleines Geschenk.

Dementsprechend hoch war die Hypothek an Erwartungshaltungen. Dabei hatte sich die Band mit ihrem ersten Album regelrecht in eine Sackgasse manövriert. Nicht nur, dass ihr ein Klassiker erster Güteklasse gelungen war, auch in Sachen kollidierende Stilvielfalt und charmante Funkyness war der Zenit erreicht. Was also nun?
Die Stagnation der Wiederholung sollte beim neuen Album „Alphabetical“ unbedingt vermieden werden. Und in aller Konsequenz heißt das: weniger Spielereien und die Einigung auf eine durchgängige Linie. Enttäuschungen bleiben da nicht aus.
Die erste Single „Everything Is Everything“ knüpft mit ihrer eleganten Lässigkeit noch am ehesten an die unbekümmerten Songs des Debüts an und macht gleich klar, wohin sich die Band bewegt. Nach wie vor sind Phoenix Meister der präzisen Pophymnen, der subtilen Ohrwürmer. Nur eine Spur leiser und einheitlicher.
Und sie kopieren sich auf ihrem neuen Album nicht selbst, das ist immer der Schlüssel der Entwicklung. Aus alten Versatzstücken etwas aufregendes Neues zu schaffen, kaum einer setzt dies so perfektionistisch um wie die vier Franzosen. Sieg der Radikalität der Einfachheit. Dazu verbarrikadierten sich die vier Musiker Thomas Mars, Christian Mazzalai, Laurent Brancowitz und Deck D´Arcy in ihrem Studio, jeder gleich verantwortlich für Texte, Musik, Arrangements und Produktion. Herausgekommen ist ein unendlich ausgeglichenes und elaboriertes Geflecht von Soundfamilien. Mit irgendeinem anderen Genre außer Pop hat das alles sowieso nichts zu tun. Die kickenden, handclappigen HipHop-Beats nebst Folkgitarre beim fabulösen „Run, Run, Run“, die monotonen Synthie-Klänge bei „Victim Of The Crime“ oder die umschmeichelnden Chöre beim brillianten „I´m An Actor“ – alles verdichtet sich zu einem großen Ganzen. Im Detail gefangen. Und an der Oberfläche immer durchbrochen vom beseelten und zärtlichen Gesang des Thomas Mars.
Eine Platte, die Anfangs gefällt und dann später immer größer, vielschichtiger und interessanter wird.

Und doch beschleicht einen das Gefühl, dass hier etwas Essentielles fehlt.
Man erinnere sich an die neunminütige Metamorphose des Vorgängers „Funky Squaredance“. Rock, Funk und immer wieder Pop. Großartiger Pop. Pop der überrascht, der Grenzen durchbricht, nach vorne flieht, der sein Heil in der Vergangenheit findet und dennoch zeitgemäß rüberkommt. Disco, Garagenrock, Lounge, alles vereinigt mit melodischen Referenzen an jeden und keinen.
„Alphabetical“ wirkt hingegen bei aller songwriterischen Brillianz, des modernen Kostüms und Schönheit ein wenig unnahbar. Die Kantigkeit (ein eigentlich verbotenes Wort, schließlich geht es hier um Phoenix) und Spritzigkeit wurde penibelst feingeschliffen und zurückgefahren. Kaum eine Gitarre erinnert an die Ursprünge als Garagenband. Chic und stylisch produziert haftet das Etikett des Makellosen an dieser Platte. Songs wie das instrumentale „Congratulations“ wirken nur wie Schatten ihrer selbst und das oberflächliche Titelstück ist eine überproduzierte Schmuse-Ballade, die jedes Lokalradio mit offenen Armen empfangen würde.

Unerfüllte Sehnsüchte nach einer weiteren Wunderplatte sind nicht schön, gerade wenn es nicht um eine Erfüllung, sondern um die richtig große Umsetzung geht. „Alphabetical“ ist auf Dauer ziemlich monodirektional geraten, stellenweise überflüssig steril oder schlicht langweilig. Wenig zu spüren von der Euphorie, vom Glamour des ersten Albums. Nicht dass wir uns falsch verstehen: „Alphabetical“ ist wirklich eine hübsch arrangierte und höchst romantische Pop-Platte für Verträumte, nur ist das für eine Band wie Phoenix wie März statt Juli.
(Markus Wiludda, eldoradio*)

Anspieltipps

  • Everything Is Everything #1
  • (You Can´t Blame It On) Anybody #6
  • Run, Run, Run #2
  • Victim Of A Crime #5
  • I´m An Actor #3

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