Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 25/2012

Albumcover

Phantom Ghost
Pardon My English

Wenn es ein Gutes hat, dass sich Superpunk aufgelöst haben, dann ist es, dass Thies Mynther nun noch mehr Zeit für Phantom Ghost haben wird, dem Projekt von ihm und Tocotronic-Frontmann Dirk von Lowtzow, das jetzt schon das fünfte Album vorlegen kann. Angefangen hat das Duo mit elektronischen Kompositionen; jedes Werk präsentierte sich experimentierfreudig und offen für Genregrenzüberschreitungen. Im Laufe der Jahre schien sich eine Entwicklung vom Elektropopgespann zum salonfähigen Varietéduo abzuzeichnen. Schon der Vorgänger "Thrown out of drama school" stellte mit seinem Hang zur großen Gestik und der musikalischen Reduktion auf das Klavier die Weichen für "Pardon My English", das nun gänzlich auf elektronische Elemente verzichtet.

Kein Wunder, denn der Graf und der Superpunk haben die Vorzüge der klassischen Operette entdeckt: Ironie, Entertainment und subtil verpackte Kritik an der bürgerlichen Lebenswelt. Der Albumtitel lehnt sich an die gleichnamige englische Oper von Ira und George Gershwin an, in der der Held an einer multiplen Persönlichkeitsstörung leidet und per Kopfschlag in seine verschiedenen Identitäten zwischen Bourgeoisie und Arbeiterklasse versetzt wird. Typisch für den Diskursdandy von Lowtzow, der schon 2005 wusste: "Talent borrows" und "Genius steals." Doch "Pardon My English" ist viel mehr als summarische Kopie. Es ist die mutige Konvergenz verschiedener Einflüsse, die Phantom Ghost stilvoll zu Eigenem verschmelzen.

Folkelemente finden sich in Operettenform wieder und neben der Frage, ob das alles jetzt Klassik oder Pop ist, wird sich der Hörer ebenfalls mit der Frage konfrontiert sehen, welche Passagen denn jetzt ernst gemeint sind. Einfühlsam und gleichzeitig gekünstelt beginnt von Lowtzow: "Do You Feel Useless And Devoid? Visit Dr. Schaden Freud." Man kommt aus dem Schmunzeln nicht heraus und dennoch strahlen nahezu alle Stücke eine gewisse vertraute Wärme aus. Die Melancholie der Klavierpassagen verschmilzt mit der versiert in Szene gesetzten Stimme Lowtzows. Die clevere Ambiguität der Lyrics macht es fast immer möglich, diversen Passagen ihren durchaus gesellschaftskritischen und politischen Bezug zu entlocken. "Universal Prostitution" verdeutlicht das besonders: "We live in universal prostitution, excess is mediocrity". Dann gewinnen auch Interpretationsansätze an Plausibilität, die das Album als ironisches Statement zur Leistungsgesellschaft betrachten, in die sich unsere Burnoutgeneration hineingeworfen sieht. Vor der haben Tocotronic schließlich schon 2007 kapituliert.

Man leistet dem Appell "Pardon My English" sofort Folge, denn Lowtzow flaniert förmlich auf Mynthers elegant hellen Klavierklängen. Balladenhaft romantisch auf "Smashing New York Times" oder so infantil, dass man sich auch Filmszenen aus den Aristocats vorstellen könnte ("Dreams Of Plush"). In diesem Song findet sich dann auch wieder eine Utopie ganz nach Lowtzows Geschmack: "an empire of laziness." Das Plädoyer für den Müßiggang. Das alles ist schön und gleichzeitig unglaublich theatralisch und daher höchstamüsant. Lowtzow kokettiert damit, bestimmte Wörter so zu akzentuieren, dass man merkt, dass es sich hier um keinen englischen Muttersprachler handelt. Im Fokus des Albums steht die Trilogie des Titelsongs, die jedoch nur instrumental vorgeführt wird. Mynthers Kompostionen sind spannungsgeladen; er ist ein begnadeter Pianist und doch bleibt an dieser Stelle der Wunsch nach ein wenig mehr von Lowtzows Gesang.

Dank der Ironie als integrales Stilmittel ist "Pardon My English" erneut ein unterhaltsames Phantom-Ghost-Album geworden, das sich mit seinem gänzlichen Verzicht auf Elektronik  von den vorherigen Werken abhebt, ohne den eigenen Stil neu zu erfinden. Dabei ist Phantom Ghosts großer Trumpf, dass die Songs dieses so auf Kurzweil ausgerichteten Werkes immer ein wenig mysteriös bleiben und dadurch auch über längere Zeit hinaus ihren gewissen Reiz beibehalten. (Philipp Kressmann, CT das radio)

Links: Facebook | Label

Anspieltipps

Dreams Of Plush, #4
Link:

Phantom Of The Operette, #7
Link:

Dr. Schaden Freud, #3
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Universal Prostitution, #2
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Smashing New York Times, #9
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