Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 50/2006

Albumcover

Petsch Moser
Reforma

Wie zählen sie nicht noch einmal vor. Nicht einmal für kostenlose, grauenhaft layoutete Stadtmagazine, die selbst 2006 noch kolportieren, dass der Coolness-Button gerade am Revers deutschsprachiger Popmusik haftet, dass es da eine haushohe Erfolgswelle gibt, mit Stars und inzwischen auch Erfolgs-Schielern, die im Duzend im Untergrund mit ihren neuerworbenen Plattenverträgen die Beaufortskala in die Höhe treiben. Kein Wort über Bands aus Hafenstädten oder Regierungsstädten. Und auch keine Klischeewischerei über idyllische Kaffeehäuser, Alpenromantik und kleinbürgerliche Ästhetik. Denn das haben die vier Wiener mit dem Namen eines Schweizer Buckelpistenfahrers und Album Nummer vier weder verdient, noch nötig.

Wenn unser Alltag unerträglich wird, setzen wir uns große, runde Kopfhörer auf. Petsch Moser hingegen stöpseln ihre Instrumente ein und singen drüber. Statt jegliche Beobachtung gleich ins Große aufzublasen, dramatisieren sie sie in einer Form, die eher beiläufig erscheint. Musik, reduziert auf die eigene Einfachheit. Oft mit einer puritanischen Sprachästhetik und mit klaren Strukturen, die jeglichen elitären Ansatz im Keim ersticken. „Sie sagt, es ist wahr“ heißt es in „Bettinas Messer“. Und es ist, was es ist: Deutschsprachiger Indiepop, der sich dem Bedeutungsüberschwall entzieht, indem er die Sicht ins Private zulässt und fördert. Es ist aber auch der einfachste Ansatz, der das mehr oder weniger Nichtssagende in den Texten unter der Legitimationsdecke der Allgemeingültigkeit versteckt, der den Hals aus der Schlinge zieht, in dem man auf das innerste Verständnis auf der anderen Seite der Stereoanlage pocht. Aber die Wirkung verfehlen Petsch Moser nicht. „3000 Kilometer“ erweicht mit kante´schen (sic!) Ermüdungserscheinungen in der Stimme von Lukas Filipek und dem wenig tröstlichen Einblick in die seelischen Entfernungen zweier Menschen, bevor „Schrei es laut raus“ das Herz wieder einzurenken versucht. Gänzlich unaufgeregt folgt die Band dem Motto "Weniger ist mehr als gar nichts". Der Puls ist dabei meist gemächlich, aber niemals schläfrig. Die typischen Indiepop-Sounds werden zudem mit Mundharmonika, Keyboard, Streicher oder Saxophon ausstaffiert. Etwa, um von so zehennägerlaufrollenden Textzeilen wie „Der alte Mann am Meer, hat keine Tränen mehr“ abzulenken? Um dann umso vielversprechender mit Neologismen wie „Lebensraumabräumer“ kontern zu können?

Aber selbst binnen eines Songs schaffen es Petsch Moser, die Songstrukturen unvermutet wegkippen zu lassen und in guter alter Jekyll & Hyde-Manier von Gut auf Böse umzuschalten. Kaum hat das balladeske „Samstag Segeln, Sonntag Ballett“ mit einem entzückenden Pianomotiv und großartiger Poesie die Hand am blutenden Herzen, ertönen „Hey Jude“-Ba-Ba-Chöre, bevor sogar noch ein Saxophon-Solo drübergekleckert wird. In „Reforma“ steckt halt alles. Zielloses Gefummel, was seine Füße gerne in deutschrockendem Biedermeier badet, feinste Indierock-Kost und sogar ein Hit in Form der beschwingten Moritat von „Gustav K“. Bettkantengeschichten, Befindlichkeits-Lieder, Balladen über Identitätsfindung, Selbstsuche und Zerrüttung. Rückzug und Ausbruch – verpackt in ein klassisches Indie-Album. „Das hier ist mein Leben“ singen sie in „Das Abkommen“. Und auch deins. (Markus Wiludda, eldoradio*)

VÖ: 08.12.2006

Band: http://www.petschmoser.com | Label: http://www.wohnzimmer.com

Anspieltipps

  • Gustav K., #4
  • Schrei Es Laut Raus, #3
  • Rasenmähermann, #5
  • 3000 Kilometer, #1
  • Samstag Segeln, Sonntag Ballett, #12

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