Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 38/2008

Albumcover

PeterLicht
Melancholie & Gesellschaft

Er kreist, denkt, fragt, zweifelt, sucht und versucht, er fasst an und fasst nach, und er ist, wo? Unter uns in einem so genannten WIR, sonst nichts, d.h. zunächst und zumeist gesichtslos und verborgen im Trubel und gewöhnlichen Alltagsleid, allgemeinschaftlich, menschlich-allzumenschlich, mal mitschwankend, mal lieber allein und woanders, draufblickend und sofort niederschreibend, und das leicht und ehrlich und romantisch und – darf man es wieder wagen „deutsch“ zu sagen? Ja.

PeterLicht, der erste und vielleicht auch einzige poetische Lied-Essayist einer Musikphilosophie des Einfachen und Schwelgerischen. Der Diagnostiker und Archäologe von Welt und Ich, aber vor allem ein Bastler und Maler von Textteilchen und Melodie, erzählt in seinem neuen Album „Melancholie und Gesellschaft“ wie immer nichts Neues, nichts Spektakuläres und Wissenswertes, aber, und darin ist er unschlagbar: Er erinnert die Sehnsüchte und das Kaputte, die Madness, die Hektik und die Euphorie des Normal-Wahnsinnigen, über die der fernste und nächste Nachbar, aber auch meine Ichs (leider) zu oft stolpern. Ja.

Nach dem Vorgänger-Album „Lieder vom Ende des Kapitalismus“ von 2006, auf dem die Versuchung des Aufwinds besungen wird, erscheint die Neue von PeterLicht nun als Lobgesang auf die Fern-Nähe, die uns treibt und zieht, mitnimmt und zurückkehren lässt. Zugleich versteckt sich in ihr eine Anklage gegen die öffentlichen Frivolitäten und Rasereien. Es ist eben auch total gut, wenn die Schwätzer endlich mal zum Schweigen gebracht werden oder die Übermütigen ins Straucheln kommen und man selbst in letzter Sekunde noch heil davon gekommen ist. „Melancholie und Gesellschaft“ ist vielleicht die Konsequenz aus der im Album von 2006 beschriebenen Strategie, die nicht selten den plötzlich zweifelnden Änderer und Kämpfer nun in die kollektive Melancholie verwickelt. Doch ein Aufgeben wird hier nicht zum Thema gemacht. PeterLichts Texte versuchen das Stehenbleiben, Innehalten und Fragen, das Träumen- und Schweben-Dürfen, das Meinen und Glauben, also all das was man früher noch utopisches Denken nannte, zu stemmen; und zwar entgegen der trockenen Resignation, der trostlosen Weitermacherei und dem hoffnungslosen Zynismus. Man könnte meinen, dass irgendwas im Sterben liegt oder die ewigen Spannungen zwischen Konflikt und Klarheit das Ich-Sein überrollen, aber noch immer kann es aus der Latenz heraus funkeln und tanzen und einen irgendwie anders und neu aufblicken lassen.
Deshalb sind auf „Melancholie und Gesellschaft“ zwar leisere Töne zu hören, aber keine große Trauer, keine lange Schwermut, sondern eher stille Freude. Stille Freude am Dasein und Denken, für mehr Laune am Beobachten und Mitkriegen der scheinbar zu wenigen Hochs und der dafür umso mehr hereinstürzenden Tiefs im Leben. Ja.

Und man erkennt und kennt ihn, diesen unheimlich-heimlichen Nicht-Nicht-Autor PeterLicht, der sich exponieren will, sei es als Musiker oder Schriftsteller, jedoch immer jenseits der scheußlichen und gefährlichen Akkumulation von Person und Künstlertum, irgendwie beruhigend sofort wieder. Er weiß, dass er sich nicht neu erfinden und den Fortschritt in seiner Entwicklung suchen muss, um irgendwie weiterzukommen, wieso denn auch? Um sich dann zu verlieren, gegen die Wand zu fahren und schließlich ja doch wieder von vorn, Null und unten anzufangen. Nur diesmal im diffusen Nebel, im Angesicht der Panik des erneuten Scheiterns und des am Ziel-vorbei-Schießens – der Kapitalismus hätte gesiegt, die Menschlichkeit und Vernunft versagt.

Es reicht, Schluss! Ich bleibe, weil ich darf.
Daher kauft man ihm leicht und gerne ab, realmenschlich zu sein und entdeckt zufrieden und ein wenig kopfnickend in PeterLichts neuer Platte auch diesmal wieder: PeterLicht, mit viel Klavier, aber vor allem ihn und seine bekannt-wohlige Musik, in die man sich wieder gern und öfter aufhält. Denn das Gute geht ja nicht immer nur, es bleibt auch davon immer mal was zurück. Ja. (Stefan Schulz, hochschulradio düsseldorf)

VÖ: 05.09.2008

Künstler: http://www.peterlicht.de | Label:
http://www.motormusic.de/

Anspieltipps

  • 02, Alles was du siehst gehört dir
  • 03, Marketing
  • 08, Stilberatung/Restsexualität
  • 07, Trennungslied
  • 01, Räume räumen

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