Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 07/2012

Albumcover

Perfume Genius
Put Your Back N 2 It

Man möchte Mike Hadreas in einen grobgestrickten, viel zu großen Wollpullover stecken und ihn dann einfach in den Arm nehmen und für immer festhalten. Denn spätestens nach Song drei ist klar: Auch der Zweitling des amerikanischen Songwriters braucht nichts dringender als Wärme in jeglicher Form, absorbiert er nämlich nur die kruden Stimmungen eines jungen Mannes, für den es auf seinem zweiten Album kein Außen mehr gibt.

So wird eine gute halbe Stunde nach innen gehorcht, wo es es schon gewaltig genug rumort. „Take everything away“, schluchzt er auf „17“ und kämpft sich weiter durch die Erinnerungen an viele gebrochene Herzen, vergebene Chancen und das Ende von vielem, dem oftmals so gar kein hesse’scher Neuanfang innewohnt. Es ist ein Album über Liebe, das Sehnen, das Flehen, das Verzehren. Und die Enttäuschung. Vor allem. Bis zum letzten gemeinsam verscheuchten Federkissen. „I will carry on, with grace, zero tears“, heißt es in "No Tear" mit selbstbetrügerischem, trotzigem Unterton. Er bemüht sich redlich, versucht sich in Selbstbeschwörungen, dass es schon alles nicht so schlimm sei, wie es scheint. Tränen werden kübelweise vergossen.

Hier regiert die Gebrochenheit, sittsam aufpoliert und dargeboten in ganz reduzierter Weise zu Klavier und Akustikgitarre, verhangen mit endlosem Hall. Düstere Passagen halten sich im Titelsong mit simultan einsetzenden Klaviermelodien gerade so in der Waage und erzeugen ein artistisches Seil, auf dem Hadreas weiche, größtenteils zittrig gebrechliche, aber stets klare Stimme konzentriert und gefühlvoll, doch teilweise seltsam unaufgeregt balanciert. „I am a freak, please pray for me“, singt er fast auf eine sarkastische Art, vielleicht die einzig wirksame, dem Schmerz zu begegnen. "Hold my hand, I am afraid", singt er mit bebender Stimme, während man stets bemüht ist, das Lyrische-Ich und den Autor nicht als dieselbe Person zu betrachten, was nicht ganz leicht fällt, wirken einige Lieder wie in Melodien gegossene Tagebucheinträge.

Es braucht fast fünf Songs, bis zum ersten Mal merklich lauter das Schlagwerk einsetzt und doch wird hier kein großes Repertoire an Instrumenten benötigt, um Intensität zu erzeugen, im Gegenteil. Magisch und intim, mit zittrigen Beinen und rundlicher Stimme wird hier ganz überzeugend musiziert. Voll von geerdeter Schwermut und überirdischer Sehnsucht, die gleichermaßen trägt und versehrt. Eine Symphonie aus bittersüßer Gefühlsduselei und schweren Bürden – von Anfang an, bis zum abschließenden Gospelsong, eine Lektion in Schönheit und Melancholie.

Zwölf kurze Songs sind auf „Put Your Back N 2 It” versammelt und bloß der Titel scheint etwas aufgesetzt prätentiös. Innen bieten sich wundersame Melodien dar, die immer bedrohlich nah an der Kante zum Kitsch wanken, aber auf eine romantische und undefinierbar zärtliche Weise zutiefst ehrlich wirken. Sein Zweitling ist voll von tiefgründiger Emotion, gespickt mit Details (verhallte Paukenschläge, sämige Streicher) in einer Atmosphäre, die in weißen Schwaden zu wabern scheint und fast das funzlige Licht der Hoffnung zu umhüllen scheint.

Was beim Vorgänger noch etwas rau und provisorisch wirkte, wurde hier raffiniert ausproduziert – man fühlt sich an Antony & The Johnsons erinnert, denkt an Maximilian Hecker, das letzte Aereogramme-Album (ohne den Bombast) oder die poppigen Ergüsse von Grandaddy während ihrer „Sumday“-Phase. Es ist Wehklagen in einer so wundersamen Vollendung ohne wirkliche Verstörung.  Und auch wenn diese Platte sich klein macht: Sie ist genau das Gegenteil. (mw)

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Anspieltipps

Dark Parts, #7
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17, #4
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Hood, #9
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Take Me Home, #5
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Normal Song, #2
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