Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 09/2005

Albumcover

Patrick Wolf
Wind In The Wires

Es war hektisch und laut, kümmerte sich nicht um Strukturen, zitierte und zerstückelte. Für sein Debütalbum „Lycanthropy“ vollzog Patrick Wolf die Metamorphose zum Werwolf und zurück: Sinistre Noise-Ausbrüche seines iBooks, mit peitschender Elektronik untermalte Songs nebst sanften Folk-Ruhekissen. Eben Laptop-Gefrickel neben altertümelnden Weisen. Als Ein-Mann-Projekt trat der aus dem betulichen Cork nach London adoptierte Ire ins Scheinwerferlicht und kämpft seitdem mit Ukulelen, Teufelsgeigen oder Akkordeon wahlweise gegen seinen Computer oder seine finsteren Gedanken an.

Für sein neues Album hat der gerade 22jährige nun seine Psychosen und verstörenden Metaphern mit schwarzer Farbe übertüncht. Unter ihnen lauern Schatten, die sich nach Freiheit sehnen, Geister, die gerufen werden wollen. Nicht umsonst hat sich der ehemals blonde Kopf seine Haare schwarz gefärbt.

Dennoch wirkt alles ein bisschen ruhiger, betulicher, nicht mehr so in der ungestümen Hysterie des kasteienden Vorgängers verhaftet. Schließlich wurde der Grundstein für die Aufnahmen in einer abgelegenen Behausung in Cornwall gelegt, eine Umgebung, die man auch unmittelbar und omnipräsent zu spüren bekommt: Das Naturerleben wilder, englischer Landschaften zeigt sich in aufgetürmten Gewitterwolken am Horizont, knisternden Gischt-Einsprengseln und traditioneller Besinnung. Auf „Wind In The Wires“ scheint nicht nur die Zeit verstärkt eine Verschnaufpause einzulegen, hier wird sich gar zurück auf mittelalterliche Marktplätze voll Troubadoure, knarzenden Pferde-Kutschen und Hufeisen-Schrittmachern geschraubt. Und sich allzeit durch Elektronika-Texturen die Verbindung zur Gegenwart offengehalten.

Leidenschaftlich, mit einem getönten und sehr markanten Morrissey-Timbre sorgt Patrick Wolf für jede Menge Gänsehaut – zwischen kruden Ohrwurmbatzen und morbidesten Ahnungen. Eine Faszination zwischen subtiler Verschlurftheit und aufwühlender, kompakt verschnürte Coolness. Immer voller Leidenschaft und Verzweiflung. Wie in der Zügellosigkeit des treibenden Beats mit der „The Libertine“ ins Verderben reitet, wie die triumphalen Verzweiflungsmelodien von „Wind In The Wires“. Steile Krallen, scharfe Klippen wohin man blickt. Eine Flucht wäre aussichtslos. Nirgends werden Versatzstücke aus Folklore, ausuferndem Postrock, abgedunkelter Elektronik so progressiv zusammengeschmiedet, wie bei Patrick Wolf. Dramatisch, erkenntnisreich und nachhaltig.

So verliert man sich in der dräuenden Niedergeschlagenheit des tiefgründigen "Teignmouth" oder in den stürmischen Kaskaden von „This Weather“. Heillos verloren schleifen die Pianos sich ungelenk über die letzte Klippe, stolpert die aufrührerische Hybris von „Tristan“ in die Fallgrube. Nur aus dem Loch im Hinterkopf des Laptops entspringt bei „Jacobs Ladder“ ein letzter markerschütternder Aufschrei. Zu spät. Furchtlos spielt nur noch eine einzelne Violine ihr gebrochenes Lied. Das Atmen fällt schwer. In dunkelster Nacht. Willkommen am Ende der Welt. (Markus Wiludda, eldoradio*)

Künstler: www.patrickwolf.com; Label: www.tomlab.de

Anspieltipps

  • 1. The Libertine (4:23)
  • 4. Wind in the Wires (4:18)
  • 2. Teignmouth (4:50)
  • 11. Tristan (2:36)
  • 9. This Weather (4:35)

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