Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 19/2007

Albumcover

Patrick Wolf
The Magic Position

„Jetzt geben wir noch mal richtig Gas. Jetzt legen wir noch mal einen Zahn zu. Endspurt, Leute!“ Die dröhnenden Ansagen, die aus dem blechernen Lautsprecher tönen, hört Patrick Wolf heute zum dritten Mal. Zweimal drehte er bereits seine Runden auf dem kulleraugigen Kinderkarussell, wo kitschig überzeichnete Tierfiguren die Kulisse für das Coverfoto-Shooting stellen. Patrick Wolf posiert und setzt sich in Szene. Zumindest in diesem Punkt bricht der exzentrische Londoner nicht mit den Erwartungen. Der expressiv aufgeladene Symbolismus des Kirmes-Covers gibt die Richtung vor, der feuerrote Schopf verlinkt das sexuelle Stigma rund um die Figur des Patrick Wolf, der Images nach Belieben kreiert und mit seinem dritten Album ganz offensichtlich seine Ambitionen im Popwunderland unterstreicht. So bekannt wie Britney Spears möchte er werden. Er sagt es bar jeglicher Ironie. Wenigstens fast.

Das Gebrochene und Unstete fasziniert ihn. Es ist sein Leben, was fasziniert. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Zeit vergeht, aber bei Patrick Wolf braucht man die Super-SloMo, um überhaupt mitzukommen. Bereits als Jugendlicher reist er als Solosänger mit diversen Chören durch Europa. Spielt jegliches obskure Instrument, was in sein Finger gerät, komponiert am Trinity College in London, verausgabt sich finanziell mit seinen beiden ersten Alben. Überhaupt seine erste beiden Alben! „Lycantrophy“, dieses verstörende Laptop-Album, was seine Stromstöße repetierend durch die Clubs schleuderte. Und das Meisterwerk „Wind In The Wires“, was den modernen Minnesänger Patrick Wolf mit tränenreichen Geigen umwehte und in die regenverhangenen Küstennebel entschwand. Einen Forrest Gump-Moment später ist er fast 24 und hat sich in seiner kurzen Vergangenheit schon als erwachsener, einfallsreicher und tiefgründiger erwiesen, als jeder andere Musiker seiner Generation.

Wer je auf der Kirmes Dosenwerfen gespielt hat, sollte verstehen, wie das Prinzip funktioniert. Je mehr Pop, je größer das Label, je mehr Airplay, desto größer der Erfolg. „The Magic Position“ ist Patrick Wolfs Volltreffer: Alubüchse, unten, mittig. Und schon ist klar, dass es sich nicht mehr um die düsteren Phantasien früherer, schwer zugänglicher Kunst handelt, sondern um Pop, der jeden packen will. „The Magic Position“ heißt der Song, der mit einem simplen Geigen-Hook und unwiderstehlicher Catchiness ausgerüstet die Fensterscheiben runterkurbelt und eine Extrarunde durch die Gegend fährt – wenn man nicht gerade seine Loopings auf der Achterbahn nebenan dreht und die Euphorie-Säfte durch den Körper schießen. Das elektroid-überdrehte „Accident & Emergency“ rauft sich sowieso schon auf dem Scooter mit den dosenbierseligen Rüpeln.

Erfolg, Kirmes, Autoscooter? Stop! Alles Quatsch. An dieser Stelle schwenken wir die weiße Fahne und lenken zurück von der buntgetupften Oberfläche in die Tiefen der Cleverness. Wo die exaltierten Geisterbahn-Folksongs des Vorgängers noch Gänsehaut und existenzbedrohende Schauer über den Rücken scheuchten, rumort hier nur „Secret Garden“ ansatzweise neben der Spur und attackiert mit Kaputtnes-Elektro die Hörgewohnheiten. Der Rest hat das „Dur“ entdeckt und windet sich im Orchestergraben gerne auch mal wie ein gehauchter Schleier und mit balladesker Anmutung wie bei „Augustine“ durch die dreizehn Tracks. „Little Boy / Lost And Blue / Listen Now / Let Me Tell You What To Do / You Can Run“ - völlig entspannt wirkt das ukulelengestützte „Magpie“ zusammen mit Marianne Faithful wie ein Mutmacher. Natürlich so einer, den Rolf Zuckowski sich nicht einmal in den kühnsten Superrolf-Träumen hätte ersinnen können. Dass man sich in die formidable und emphatisch dunkel getünchte Stimme stets verlieren kann, hat eher sowieso bereits bewiesen. Die Windungen von „Bluebells“, mit dem synthetischen Geplänkel aus weichzeichnendem Neonlicht, das Klavier, was später kurz thront, um den Faden dann völlig zu verlieren oder das Überbordende des knalligen, aber doch subtil-chargierenden Openers „Overture“ sind hingegen die Gegenentwürfe zu der körperbetonten Elektrizität, der Offensichtlichkeit, der krachenden Disco-Stampfer (die man natürlich niemals dort hören wird).

Schön, dass sich Patrick Wolf also nicht allzu sehr davon beeindruckt zeigt, vormals als ästhetischer Revoluzzer angetreten zu sein. Seine Version von Popmusik ist immer noch bedeutsam und geschickt genug, um jeglichen Anspruch zu erfüllen. „Sag mir wie deine Platte klingt, dann sag ich dir, wie glücklich du bist“ - auch wenn manche Rezensenten nur die Malen-Nach-Tonfolgen-Reduktion üben, um die neugewonnene Fröhlichkeit erklären zu können: Das gemalte Bild der Gegenwart ist nicht so eindeutig und schreiend nach privatem Formhoch, wie es einige gerne hätten, vielmehr zögerlich leise, dann pathetisch eindringlich und zwischendurch spaßverleihend. Es ist eines der vielen Gesichter des Patrick Wolf. Die Dramaturgie stimmt und zeigt sich mit diversen (auch überflüssigen) Interludes und sphärischen Einkopplungen von ihrer unberechenbaren Seite. Und wenn wir etwas von diesem Talent erwarten können, dann den abermaligen Bruch mit der konsequenten Serialität und der kapitalistischen Beständigkeit. Patrick Wolf sieht heute aus wie eine Mischung aus Hänsel ohne Gretel, Rotbäckchen und Waldelf. Er ist inzwischen gelangweilt vom Karussell aufgestanden und nascht genüsslich an der Zuckerwatte. (Markus Wiludda, eldoradio*)

VÖ: 27.04.2007

Künstler: http://www.patrickwolf.com | Label: http://www.loogrecords.co.uk

Anspieltipps

  • The Magic Position, Track 2
  • Get Lost, Track 10
  • Bluebells, Track 5
  • Accident & Emergency, Track 3
  • Overture, Track 1

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