Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 45/2008

Albumcover

Parts & Labor
Receivers

Die experimentierwütigen Herrschaften von Parts & Labor haben also ihre Antennen neu ausgerichtet: Im Vorfeld der Aufnahmen des vierten Studioalbums wurden die Fans zur Mitarbeit animiert, jeder noch so entartete Sample-Schnipsel durfte der Band zur Verfügung gestellt werden. Ein Angebot, das die Hörerschaft nicht ausschlagen konnte – einige Anhänger ließen den New Yorkern wahre Datenunmengen zukommen. Dass das neue Machwerk den Titel „Receivers“ verpasst bekommen hat, kommt also nicht von ungefähr.

Es ist mehr als nur ein Hauch eines Konzeptes, der den frisch gepressten Silberling umweht. Dabei sind Parts & Labor alles andere als dafür bekannt, sich um die Gesetzmäßigkeiten der zeitgenössischen Musikwelt zu sorgen. Eine Scheibe mit einem derart programmatischen Titel mit einem Opener namens „Satellites“ beginnen zu lassen, hat jedoch definitiv System. Das anfängliche, penetrante Gefiepe und Gesurre aus den Tiefen des Orbits gehört da ja schon obligatorisch dazu, wohlwissend dass hier die Fangemeinschaft einen nicht unerheblichen Teil der Soundfetzen beigesteuert haben dürfte. Ob mein Nachbar sein verzerrt aufgenommenes Telefonat mit seiner Schwiegermutter heraushört, ist aber zu bezweifeln.

Denn wer die Noise-Tüftler kennt, weiß, dass bei ihnen nichts nach dem Baukastenprinzip zusammengeschustert wird. Und diejenigen, denen die Band bis dato nichts sagte, werden nicht schlecht staunen, wie spielerisch ein Konglomerat aus Misstönen zu einem harmonischen Leitmotiv verschmelzen kann, das die Grundlage für einen erstaunlich klaren ProgPop-Sound bietet. Schon in „Satellites“ macht sich die personelle Frischzellenkur - 2007 wurde Christopher R. Weingarten durch Joe Wong am Schlagzeug ersetzt, mit Gitarristin Sarah Lipstate hielt die weibliche Note Einzug – bemerkbar. Die Instrumente werden weitaus weniger malträtiert, die Melodien klingen transparenter. Die Vorabsingle „Nowhere Nigh“ ist fast schon Indie-Pop in Reinkultur, nach dem sich DJs der Republik die Finger lecken dürfen. Doch aller Gradlinigkeit zum Trotz, ihren Frickel-Charme haben P&L nicht eingebüßt. Permanent flattert die rastlose Elektronik mit, stets im Verdacht, sich kurzzeitig in den Vordergrund drängen zu wollen. Selbst das verträumt-verspielte „Mount Misery“ ist vor derartigen Überfallen nicht gefeit. Beharrlich werden Dan Friel und B.J. Warshaw in ihrem schmachtenden Zwei-Mann-Choral von fiebrigen Pfeiftönen unterbrochen. Auf voller Lautstärke möchte man das nicht hören. Missen will man die gewöhnungsbedürftige Geräuschkulisse aber auch nicht, sind die Gegensätzlichkeiten aus zerschossenem Lärm und Zuckerpop das Markenzeichen der Band.

Klar, es geht auch konventioneller: Da dürfen auch mal Dudelsack- oder Orgelklänge aus der Dose kommen, doch ob manisch rotierendes Gitarrengeplänkel („Little Ones“ / „Solemn Show World“ ) oder überschwängliche Hymne („The Cheasing Now“), irgendwo wählt sich immer ein Uraltmodem im Hintergrund ein. Ungeübte Hörer mögen sich von derlei ausufernden Klangorgien erschlagen fühlen. Ausgewiesenen Noise-Experten hingegen könnte „Receivers“ nicht mehr als ein müdes Lächeln entlocken. Alle anderen dürfen gerne in die neue Parts & Labor-Platte reinhören, verquerte Tonfolgen und fast radiotaugliche Melodien halten sich die Waagschale. Von einem Konsensalbum sprechen, das Mainstream und Untergrund gleichermaßen befriedigt, wäre allerdings Verleumdung. „Wir experimentieren gerne, probieren verschiedene Sachen aus“, so der lapidare Kommentar in einem Interview. Und warum noch länger herumreden: Das Experiment ist geglückt! (Patrick Torma, CampusRadios NRW)

VÖ 24.10.2008

Band: http://www.partsandlabor.net | Label: http://www.jagjaguwar.com/onesheet.php?cat=JAG133

Anspieltipps

  • Nowhere Nigh, Track 2
  • Little Ones, Track 4
  • Mount Misery, Track 3
  • The Ceasing Now, Track 5
  • Satellites, Track 1

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