Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 27/2002

Albumcover

Oasis
Heathen Chemistry

Es geschah in einer weit, weit entfernten Galaxis. Na ja, sagen wir mal, Galaxis ist übertrieben, und so weit ist Großbritannien nun auch wieder nicht. In einer Stadt namens Manchester fanden sich die Gebrüder Noel und Liam Gallagher, Drummer Bonehead und Bassist Gigsy zusammen, gründeten Oasis, und produzierten das Debutalbum „Definitely Maybe.“ Es stürmte auf Anhieb die englischen und europäischen Charts. Und da das Wort „Hype“ in dieser Galaxis, sorry, auf dieser Insel nun mal ganz groß geschrieben wird, war die englische Musikindustrie sehr angetan, und sie produzierten das zweite Album „What’s The Story Morning Glory.“
Allerdings war der Hype berechtigt, denn obwohl Oasis kräftig bei den Beatles klauten, hatten die beiden ersten Platten etwas erfrischend neues, was die Britische Gitarrenlandschaft wieder aufleben ließ. „Britpop“ war in aller Munde, und die Musikindustrie suchte nach noch mehr neuen Bands, wie Oasis. Der Rest
ist schnell erzählt. Es folgten zwei weitere Alben, die leider weder die Verkaufszahlen, noch die Qualität der ersten Alben überbieten konnten. Desweiteren sehr viele Skandale um Oasis. Mit Schlägereien, Saufgelagen und Unfreundlichkeit hielten sie sich in den Europäischen Klatsch- und Musikzeitschriften über Wasser.

Jetzt ist endlich das fünfte Album da. „Heathen Chemistry“ heißt es, und erscheint am 1 Juli. Wenn man „Heathen Chemistry“ hört, stellt sich die Frage: Ist das immer noch eine echte Band, oder eine zusammengecastete Gitarrenpopband? Der vergleich liegt nahe. Die Lieder sind durchhörbar, man kann mitträllern, es gibt eine gute Mischung aus Balladen und Rockstücken, aber Verdammt! Wo sind Oasis?
Die Stücke sind neu, aber nicht neuartig. Zu behaupten „Heathen Chemistry“ sei ein schlechtes Album, wäre falsch, denn die Songs sind perfekte Popstücke. Aber wer Oasis als die Band sieht, die selbst von sich sagte, sie wollen so revolutionär sein, wie die Beatles, wird höchst enttäuscht sein. Die Tatsache, daß Oasis Drummer Bonehead, und Bassist Gigsie nicht mehr dabei sind, ist für viele Fans bis
heute nicht vertretbar. Es ist wie bei einer Teenieband: Zwei Mädels gehen, zwei andere Schönheiten kommen.

„Heathen Chemistry“ fängt mit dem oasistypischen „Hindu Times“ an. Wer danach das gute alte „You Gotta Roll With It“ spielt hört keinen Unterschied zwischen den beiden Stücken. Leider gibt es mehrere Stücke, die eben genauso klingen, wie man’s von Oasis erwartet. 2probably out of your mind“ oder „she’s loved.“
Dann aber gibt es Stücke, wie „Born On A Different Cloud“ oder „Songbird“, wo der Eindruck entsteht, Oasis klauen nicht nur bei den Beatles, sie sind ehrlich genug, es auch zuzugeben. Don Hanley, Deep Purple, und diverse andere Songwriter aus den 80ern sind dabei.

Oasis sind alt geworden. Die Mittdreißiger wollen plötzlich liebe Brummbären sein, anstatt die „angry young men“ der 90er. Sie schlagen keine Journalisten mehr zusammen, sie zertrümmern keine Kneipen mehr, und live huscht sogar ab und an so was wie ein Lächeln über Liam Gallaghers Gesicht. Vor drei Jahren unvorstellbar.
Irgendwie scheint alles, wie eine schöne Maske. Nicht, dass die Skandale sein müssten, damit Oasis echt wirken, aber die plötzliche Verwandlung vom Saulus zum Paulus ging einen Tick zu schnell. Und das zum neuen Image passende Album erweckt den Eindruck einer Band, die nach den Rückschlägen der letzten Jahre versuchen will, sich aufzurappeln und zu beweisen, dass es sie noch gibt. Denn Bruderzwist zwischen den Galaghers, schlechte Verkaufszahlen und vor allem der Verlust von Bassist Gigsy und Drummer Bonehead hatten ihr Image definitiv geschädigt.

So what’s the story morning glory? Das Album ist draußen. Zwar kein richtiges Oasisalbum, aber trotzdem schön anzuhören. Die Frage ist nur, ob
Oasis danach eine kleine Schaffenspause einlegen, und der Musikindustrie den Stinkefinger zeigen, oder ob sie immer mehr solche Alben rausbringen, und ihren Ruf damit womöglich noch mehr beschädigen. Who knows?

(Text: Amy Zayed, Hertz 87.9, Bielefeld)

HOMEPAGE: www.oasisinet.com / LABEL: www.sonymusic.de

Anspieltipps

  • MO: Stop Crying Your Heart Out (Track 4)
  • DI: Songbird (Track 5)
  • MI: A Qick Peep (Track 7)
  • DO: Born On A Different Cloud (10)
  • FR: Better Man (11)

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