Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 45/2005

Albumcover

Nova International
One And One Is One

Am Anfang ist Stille. Dann setzt eine Akustikgitarre ein und eine zarte Stimme haucht sanft ins Ohr. Schon ist man angefixt vom Opener des neuen nova international Albums "One And One Is One". Aber es kommt noch erstaunlicher: kaum hat man sich daran gewwöhnt, dass "And There She Goes" eine Ballade ist (denn eine Ballade an erster Stelle eines Albums zu setzen ist schon mutig), setzt bei 2:30 ein 35stimmiger Backgroundchor ein, der einem Schauer des Wohlgefallens über die Haut treibt. Eine Freundin sagte über diesen Song: "Perfekte Musik, die man bei einem Theaterstück einsetzen könnte!" Das ist mehr als berechtigt, denn mit "One And One Is One" betreten nova international die große Bühne des Pops, der Emotionen und der catchigen Melodien. "And There She Goes" fungiert hier sozusagen als Prolog zu einem Stück, dass mit Überraschungen nur so gespickt ist. Dimmen wir also das Licht, lehnen uns zurück und genießen die Vorstellung.

Nachdem die letzten Takte des Prologs verklungen sind, öffnet sich der Vorhang und der "Protagonist" des Songs "Hey Joe" tritt auf. Die Deutungsmöglichkeiten sind hier vielfältig: Reminiszenzen an Jimmy Hendrix sind genauso möglich, wie Lebenshilfen "Hey Joe everyone knows / you should enjoy your time". nova international schaffen hiermit den Übergang hin zum Popsong, der immer wieder ausbricht, zum Rockbiest mutiert, fordert. "This is my life" fängt sich aber wieder und schwingt zurück zum Pop. In diesem Genre bewegt sich die Platte weiter: "The Summer We Had" beschreibt die Zeit, als nova international mit dem gleichnamigen, ersten Album auf Tour waren. Gleichzeitig läßt er aber genug Raum für eigene Interpretationen. So ist der Song durchaus auch als Liebeserklärung an vergangene Zeiten zu verstehen, an die man sich gerne zurückerinnert. Klingt im ersten Moment kitschig, ist aber keineswegs so zu verstehen. nova international schaffen trotz Backgroundchören den Spagat zwischen Kitsch und dem Bedürfnis sich in diesen Song fallen zu lassen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, sich seinen Gefühlen und der Schönheit der Melodie und des Arrangements hinzugeben. Dann setzten plötzlich dumpfe Bässe ein, rauschen um die Ohren, verstören im ersten Moment, weisen aber doch Weg hin zu klaren Gitarrenriffs im Refrain, die aufrütteln. Da ist sie wieder die perfekte Symbiose von Text und Musik: "Still seeing your bubbles / Leave it all behind / Pretending to drown / I´m losing hope / I´m still awake, but I have lost control".

Logische Konsequenz dieses Songs ist die erste wirkliche Rocknummer auf der Platte: "Let´s Get Romantic", eine Forderung nach mehr Gefühl, und umso mehr verständlich, wenn man bedenkt, was nova international sich mit diesem Album vorgenommen haben. "One And One Is One" entstand in einer Zeit der großen Trennungen: von Freundinnen, vom Majorlabel BMG und der Ungewissheit, wie es weitergehen sollte. Die Songs waren fertig, komplett produziert und gemastert, aber was sollte damit geschehen? Das Einzige, was unantastbar war, ist die Liebe zur Musik und zum Musikmachen. Nach der enttäuschenden Zeit bei der BMG war eines klar: Egal was jetzt kommt, man wollte sich nicht verbiegen lassen. Schließlich hat man in "One And One Is One" viel Herzblut, Zeit und Engagement gesteckt.

Die Unsicherheiten die Zukunft betreffend merkt man der Platte kaum an: "Falling In", Pop at it´s best, wie man ihn selten findet, beschäftigt sich wie Sänger Michi D. selbst sagt "mit dem Rein- und Rausfallen in die Liebe", und das immer wieder nach den gleichen Gesetzmäßigkeiten - "Call it automatic / Call it random". Um aber den Bogen nicht zu überspannen und den Kitsch auszutricksen wählt man bei "Cowboys Only Cry When Their Horses Die" das Mittel der Ironie. Westerngitarre, mehrstimmiger Gesang und Streicher auf der einen Seite, auf der anderen macht man sich über die fehlende Emotionalität einiger Männer lustig, die nur dann Gefühle zeigen, wenn der Lieblingsfußballverein verloren hat, oder eben zitiertes Pferd gestorben ist. Hier tritt wieder ein Phänomen auf, dass sich durch die ganze Platte zieht. Alles kann abver muss nicht wörtlich genommen werden. Es existiert immer eine zweite Ebene, die es sich zu entdecken lohnt. Da "Cowboys Only Cry When Their Horses Die" nicht das ist, was es auf den ersten Blick zu sein scheint, stellt es auch keinen Bruch dar, dass sich direkt an diese Überschnulze (im besten Sinne) der Rocksong "Crank It Up" anschließt. Hier verabschiedet man sich von der verblendeten Perspektive Liebe sei nur romantisch und blumig. Bei "Bored" geht man so gar noch einen Schritt weiter: "I´ve got a brandnew girlfriend / And I think she´s dead / She´s better in fashion / Than she´s ever in bed". Diese Wut spiegelt sich im musikalischen Gewand des Punkrock wieder. In diesem Moment traut man der verzerrten Stimme Michi D.s gar nicht zu, dass sie einlullen kann, wie es in den Songs zuvor geschehen ist.

Aber um keinen Zweifel darüber aufkommen zu lassen, schießt man direkt "Drive In Circles" hinterher. Hier beweisen nova international erneut, dass sie das Timing was den Einsatz von Backgroundgesängen angeht für sich gepachtet haben, frei nach dem Motto: Einen einfachen Popsong kann jeder schreiben, wichtig sind die Breaks und die unerwarteten Spiele mit Klischees, die man aus fiesen 80er Jahre Filmsoundtracks kennt, die hier aber in neuem Kontext eingesetzt werden und somit ihren Schrecken verlieren. Am Ende dieses Songs rutscht man unsicher auf seinem Stuhl hin und er, denn was soll jetzt noch kommen?
nova international setzen mit "Pilot", dem letzten Stück, noch die Schokostreusel auf die Cocktailkirsche, die ohnehin schon auf der Sahne trohnt. Wieder scheint es ein gewöhnliche Popnummer zu werden, die wieder mit mehrstimmigen Gesang aufwartet. Aber das kennt man ja inzwischen schon. Fast entwickelt man das Gefühl der Enttäuschung, ob dieses Songs. Schließlich haben die letzten 10 Lieder die Meßlatte unglaublich hoch gehängt. Aber nova international haben noch ein Ass im Ärmel: In der letzten Minute des Songs entwickelt sich ein engelsgleicher Kanon von Sänger Michi D. "To things that are good" und dem Background "I´m going higher now". Ehe dieser in die schon so oft erwähnte Kitschigkeit abrutschen kann, stehen da nur noch das Piano und die zart hauchende Stimme von Michi im Spotlight auf einer sonst dunklen Bühne: "I´m trapped in this world / I don´t belong to / I need a pilot / A spaceship of fortune / And make it happen / The things that are good".

Mit diesem Epilog gleitet man genau so sanft aus der Platte, wie man mit "And There She Goes" hineingezogen wurde. Um die Theatermetapher ein weiteres Mal zu strapazieren: Die Bühne wird dunkel, der Vorhang fällt, ein kurzer Moment der Stille und dann Standing Ovations. (Sandra Zapke, CT das radio)

Band: www.nova-music.de | Label: www.ni-records.com

Anspieltipps

  • Crank It Up (#8)
  • Hey Joe (#2)
  • Bored (#9)
  • Falling In (#6)
  • Let´s Get Romantic (#5)

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