Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 18/2008

Albumcover

The Notwist
The Devil, You + Me

Wir schreiben das Jahr 2002. Eine Band aus Weilheim legt mit "Neon Golden" ein Album vor, das seinesgleichen sucht. Vertrackt, melodiös, melancholisch. Es hat schon einen Grund, warum Filmemacher und Fernsehleute die Songs des Kollektivs liebend gerne zur musikalischen Untermalung von Szenen und Beiträgen nutzen. Und auch international katapultierten sich Notwist mit ihrem ganz eigenen Entwurf von Indietronik auf die Landkarte der Popmusik und schafften einen modernen Klassiker.

Jetzt und hier, 2008. Nach sechs Jahren sind die Acher-Brüder und Martin Gretschmann zurück. Erste Vorwehe: Der Downloadtrack "Good Lies", der programmatisch für die Selbstsicherheit von "The Devil, You + Me" ist. Er schaukelt sich langsam auf, um am Ende geradezu überwältigend zu enden. Wenn The Notwist eines drauf haben, dann die Kunst, Songs bis ins Feinste zu konstruieren. Jeder Ton sitzt – sicherlich auch eine Folge der Bandmetamorphose, die bei brachialer Rockmusik begann und bei „Neon Golden“ in schauderhaft schönem Pop versank.

The Notwist bleiben sich treu. Und dann auch wieder nicht. Man hört die Einflüsse ihrer Nebenprojekte. Hier ein wenig Lali Puna, da ein wenig 13 & God, Console oder Tied And Tickled Trio. Und doch klingt es immer wie The Notwist, elektronisch, gitarrenlastig, aber doch immer bis zu einem gewissen Maße melodiös. Das Album begrüßt den Hörer wie einen alten Freund und nimmt ihn mit auf eine schöne Reise. Dass das Hitpotenzial von „Neon Golden“ nicht erreicht wird, mag nicht überraschen. Perfekter als der Vorgänger – das war selbst für The Notwist eine zu hohe Bürde, die umgangen wird, indem man die Lieder an der langen Leine führt. Stilistisch wurden zwar keine Koordinaten neu gesteckt, aber der Sound gewinnt gegenüber den Songs an Freiraum. Es wird gedriftet und verdichtet, während Geigen auf- und abtauchen und Flächen und Atmosphären schaffen.

Den Anfang macht "Good Lies" und zeigt alle Facetten dessen, was einen auf der Reise durch die elf Titel so erwartet. Verwildert, intelligent und mit Hang zur Souveränität. Danach pluckert die Single "Where In This World" knappe fünf Minuten so dahin, und bleibt doch immer wieder spannend. Die Twists sind dabei Prinzip: Von Geigensamples über industrielle Klänge bis zum Gitarrenriff – die Songs gönnen sich ihre Wendungen. Weiter geht’s mit "Gloomy Planets", einem unheimlich schönen und einladenden Song. Für The Notwist ist so etwas schon Pop. Das Album ist bei aller Homogenität erstaunlich schwungvoll, auch wenn an manchen Stellen das Wagnis der Opulenz besser noch konsequenter genutzt worden wäre. Während "Sleep" und "On Planet Off" fast schon die Stimmung nach unten ziehen, erhellt "Boneless" und versöhnt mit wunderhübsch vertrackten Melodien. Den Abschluss macht das anheimelnd arrangierte Kurzstück "Gone Gone Gone", das den Hörer zum Ende der Reise noch einmal mit offenen Armen auffängt. Man hört förmlich den kleinen, glücklichen Seufzer zum Schluss.

Das Album ist eigenwillig, aber auch stellenweise sehr gefällig, vertrackt, aber auch klar und deutlich, disharmonisch, aber auch schlichter Pop. Es ist von allem ein wenig dabei. Nur die Slogans des Vorgängers haben keinen Eingang gefunden. Vielleicht ist es gerade die Ansammlung von scheinbaren Gegensätzen, die "The Devil, You + Me" zu einem Album macht, das gut und gerne ähnlich wegweisend sein kann wie der etwas störrischere Vorgänger "Neon Golden". "I will never let you go" heißt es im Abschlusstrack. So klingen Versprechen aus Weilheim. (Kathrin Grannemann, CT das radio)

VÖ: 02.05.2008

Band: http://www.notwist.com | Label: http://www.cityslang.com

Anspieltipps

  • Where In This World, #2
  • Boneless, #9
  • Good Lies, #1
  • Gloomy Planets, #3
  • The Devil, You And Me, #5

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