Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 42/2005

Albumcover

Ninja High School
Young Adults Against Suicide

Auf sie mit Gebrüll! Knebeln, fesseln und mit monsterdicken Fahrradschlössern an die Laterne binden. Nur die Alternative, Zwangsjacken raus und eine dicke Kanüle Ritalin-Hyperaktivitätshemmer direkt in die Adern pumpen, ist noch ein wenig verlässlicher. Anders ist diesem Projekt nicht beizukommen.

Rübezahlgroß und schlaumeiergewitzt kommen die zwölf Hitbuster der fünf Torontoer Kunststudenten daher, dessen Name natürlich nur rein zufällig mit der Manga-Serie identisch ist. So zappelig und grimassenschneidend, dass die Aufmerksamkeitsspanne sich schnell als menschliche Fehlkonstruktion entpuppt – die hätte gut und gerne doppelt so lang sein können. Zwischen HipHop, Hardcore und Elektro wird kreuz und quer hin- und hergepurzelt und der Quatsch, den sie früher aus den Grabbelkisten zogen, eklektisch zu phonischen Sperenzchen krummgebogen. Überhaupt sind hier Samples so omnipräsent, dass der Tunnelblick übersieht, dass ganz ausschließlich mit ihnen hantiert wird: Schokolinsenfarbige Klangsamples werden dekonstruiert, wahllos geschichtet und an einander gepuzzled. Dass das Ursprungsbild dabei immer weiter verzerrt wird, ist nur ein positiver Nebeneffekt. Die Avalanches wären stolz auf sie!

Die Ninja High School-Gründungslegende behauptet, ein Crazy Town-Song war Ansporn genug, um es besser zu machen. Aber eigentlich geht es um den puren Hedonismus, die Freude, sich dem konventionellen HipHop-Slang vollends zu verweigern und dabei die Soundzitat-Asservatenkammer neu sortieren zu können. Mit Kettensäge und schwerem Gerät, versteht sich. Und wenn erst einmal das Chaos die Oberhand hat, dann wird in dessen Mitte wild und ausgelassen getanzt, spöttisch gelächelt und bitter gekreischt, werden Tränen vergossen, Sicherheitsgurte durchtrennt, rote Ampeln überfahren und „Ultimative Sloganizing“ geübt. Eben ein musikalisches Fegefeuer des Experiments veranstaltet, bei dem selbst die Texte, die hier in immer engeren Bahnen und mit immer dickerem Grinsen um Partyexzesse, Videoverbote und ähnliche Späße kreisen, nicht annähernd zurechnungsfähig sind.

„Jam Band Death Cult“ heißt ein messerscharfer Titel, dessen verbiesterter Refrain die kanadische Zensur niemals überstehen würde. Wer waren noch mal die Beastie Boys? Egal – ab damit in den alles verhackstückelnden Mixer! Da entfaltet der trashige Cocktail erst so recht seine infektiösen Qualitäten. Old School wird hier schnell zu No School. Und ob Mr. E von den Eels sich bei „It´s Allright To Fight“ wiederfindet? Durchaus möglich. Denn ihr Debüt „Young Adults Against Suicide“ ist wie Dosensuppe mit vielen kleinen Bröckchen Unidentifizierbarem, das sich aber bei genauerem Hinsehen...nein, so genau wollen wir es dann doch nicht wissen.

Die ultimative Steigerung gibt es nur, wenn erst einmal die Kirchturmglocke gongt, die Drumsamples heißlaufen und Harry Belafontes-Traditional „Banana Boat Song“ gleich komplett dran glauben muss. Zwischendurch werden die Bläser noch einmal übers Knie gelegt, damit der Sound auch so richtig schummert. Und über allem wird unnachahmlich Kollektiv-Shouten praktiziert. Dass sich das irgendwie anhört wie ein enthemmter Kindergarten auf Speed? Geschenkt. Wenn das Gehirn erst einmal in der Ecke liegt und das Messer im Rücken steckt, dann erschallt übergeschnapptes Gelächter aus dem Mansardenzimmer, wo natürlich keine Wand noch da steht, wo sie vorher war. „You´re Going Home In A Fucking Ambulance!“ singen sie. Und behalten Recht. Diese Platte ist tödliches Kung-Fu für die Ohren! (Markus Wiludda, eldoradio*)

Band: www.ninjahighschool.info | Label: www.tomlab.de

Anspieltipps

  • By Purpose Not By Plan, #8
  • Jam Band Death Cult, #2
  • Positive Lazer, #5
  • Film-Video, #11
  • It´s Allright To Fight #3

Archiv aller Silberlinge

radiobar