Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 43/2012

Albumcover

Naytronix
Dirty Glow

 Wenn es eines gibt, dass bei Musikern wie Nate Brenner nicht überrascht, ist es eben der Fakt, dass er überrascht. Der Multiinstrumentalist, der seine Gedankenblitze bei der Experimental-Pop-Formation "Tune Yards" und dem Trio "Beep!" vollführt, hat kürzlich ein Mixtape unter dem Namen seines Soloprojekts "Naytronix" veröffentlicht, das Soul und elektronisch angehauchte Songs neben spanischem Akkustikpop platziert. Kurz gesagt: Genrereichtum statt dichtem Konzeptmix. Auf seinem Debütalbum "Dirty Glow" erklärt Brenner genau das zu seinem Ansatz.

Das Besondere an "Dirty Glow" ist nicht nur, dass es mit Genres jongliert, sondern dass sich dieser Richtungsreichtum nicht nur zwischen den einzelnen Songs widerspiegelt, sondern vor allem in ihnen. Während der Opener "Hangin' Out" auf einer smoothen Grundlinie verharrt und nach Psychedelic Soul klingt, findet man in "In the Summer" viele Wendungen. Eine anfängliche Synthiemelodie bricht ab, dann setzen Drumtempowechel, Percussion und Effektspielerei ein. Dazu gesellt sich die unbeteiligt wirkende Stimme Brenners, die teilweise so exakt gleich klingt, dass man meinen könnte, einige Passagen seien geloopt und wurden im Nachhinein einfach auf die Instrumentierung als Spuren übergelegt. 

Brenner - der das Album alleine produziert und aufgenommen hat - sagt, man solle sich beim Hören vorstellen, dass Roboter und Menschen gemeinsam musizieren. Tatsächlich weiß man bei "Dirty Glow" teilweise nicht, wann eine Drummachine vorprogrammiert wurde und wann das tatsächliche Schlagzeug von ihm bedient wird (wie etwa in "Baby don't walk away" der Fall). Die seltsam einnehmenden Grooves umhüllen die abwechlungsreichen Arrangements, die mal in Richtung Electropop schielen ("Robotic"), dann wieder Funkattitüde bezeugen ("Nightmare"). Doch eben nur phasenweise; viele Songs scheinen mehrschichtig strukturiert veranlagt und erweisen sich doch als insgesamt stimmig, worin die große Parallele zum Tune-Yards-Sound offensichtlich wird: Das Album offenbart sich als Samplearchiv, das Brenner auf infantile und verdrehte Art zusammensetzt.
 
"Dirty Glow" besticht vor allem durch seine Vielfalt. Doch leider leiden einige Songs mitunter an zu viel Zutaten, zu viel Ideen. Dann verliert Brenner die Gesamtsstruktur der Songs zugunsten einzelner Passagen aus den Augen. In "Good Thing" als wohl souligste und melancholisch mit Posaune inszenierte Nummer beweist er jedoch, dass er auch anders kann. Hier lässt sich ein roter Faden erkennen, ein Refrain kann sich frei entfalten.
 
Abgesehen davon, dass für Naytronix nahezu ein neuer Genrebegriff etabliert werden müsste, liest sich das Album manchmal als Covertext: "Don't sit and watch the world go pass you by" singt Brenner irgendwie automatisiert in "Lead The Way", einem instrumental verhältnismäßig monotonen Stück des Albums. Versteckt blitzt er also immer wieder auf, dieser Drang irgendwie doch etwas seltsam Eigenes zu schaffen. (Philipp Kressmann)

Links: Label | Band | Facebook

 

Anspieltipps

Lead The Way, #5
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Nightmare, #6
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Hangin' Out, #1
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Baby Don't Walk Away, #3
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Robotic, #10
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