Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 10/2004

Albumcover

Naked Lunch
Songs For The Exhausted

Ein begeistertes "Wow" war meine erste Reaktion, als ich das neue Naked Lunch-Album in den Händen halten durfte. Ganze fünf Jahre hat es nun gedauert bis der Nachfolger zu "Love Junkies" das Licht der Welt erblickt hat. Man hatte nur noch insgeheim damit gerechnet wieder etwas von den Jungs zu hören. Selbst Musikerkollegen von Readymade bis Nova International kamen immer wieder in Interviews auf die Band zu sprechen und bedauerten das "Untertauchen" der Band.
Doch plötzlich tauchte im Sommer letzten Jahres eine obskure Single mit zwei neuen Songs auf, wovon einer von dem bald erscheinenden Album "Songs For The Exhausted" sein sollte. Kaufen konnte man sie aber leider nirgendwo. Außerdem war die Rede davon, dass Album sei rauer, melancholischer und eher düster geworden, was die Single untermauerte. Bestätigen konnte das aber auch niemand!
Aufgrund des Verlustes des Plattenvertrages vor Jahren dauerte es letzendlich nun fast ein Jahr bis das Album im Laden stehen konnte. Keine Plattenfirma nahm sich dieser Band an bis ein gewisser Patrick Wagner die Österreicher in das Boot einer deutschen Firma ziehen konnte.

Die Gerüchte stimmten jedenfalls. Das Album klingt wirklich versperrt, reduziert und melancholisch. Der Vergleich zu Notwist und deren Album "Neon Golden" mag beim ersten Hören auf der Hand liegen, ist jedoch meilenweit davon entfernt. Zwar arbeiten beide Bands mit Olaf Opal zusammen, der mittlerweile auch festes Bandmitglied bei Naked Lunch ist, aber das war es dann auch schon. Man hatte es sich in Klagenfurt gemütlich gemacht und zwölf Monate aufgenommen und probiert. "Love Junkies", ihr Werk aus dem Jahre ´99, hat man dabei hinter sich gelassen und die dort bereits eingeschlagene Richtung mit dem vierten Mann am Keyboard (Olaf Opal) aufgegriffen und absichtlich weiter verfolgt. Das Studio wurde diesmal ohne feste Zielvorstellungen geentert, da Naked Lunch sich in keinster Weise musikalisch einschränken wollten - ungezwungenes Arbeiten lautet ihr Credo.
Auf der neuen Platte lassen diese neuen musikalischen Freiheiten auch erst schwer verstehen. Noiseattacken, Streicher, Pianos etc. stehen häufig nebeneinander und tragen anfangs nicht dazu bei, den Song zu verstehen. Vielschichtiges Songwriting nennt man das wohl. Wenn man die Tracks dann aber nach mehrmaligem freigelegt (gehört) hat, erscheinen Songs, deren Schönheit sich nur schlecht in Worte fassen lässt. "Stay" mit einem zuckersüßem Refrain über die Liebe, "Solitude" mit einer epochalen Streicherattacke am Songende, "The Deal" mit einer Verbeugung an die Beatles (Love Is All You Need). Im Vergleich zum Vorgänger hat man musikalisch gleich mehrere Schippen draufgepackt.
Textlich bewegt sich das Album nicht nur auf den Pfaden der Liebe, sondern es geht um gewachsene, oft widersprüchliche Emotionen, in deren Herzschlägen der ganze Wahnsinn unserer Welten mitschwingt. Themen wie Verlust, Betrug, Tod und Einsamkeit finden ihren Platz auf "Songs For The Exhausted".

Eigentlich eine ideale Platte für den Herbst oder den Winter, wenn der Schwermut wieder beginnt. Aber wenn ich gerade so aus dem Fenster schaue, schneit es schon wieder. Bis April bleibt es bestimmt noch kalt und dunkel.
(Guido Bülow, Hochschulradio Düsseldorf)

Anspieltipps

  • Stay (Track 4)
  • Solitude (Track 9)
  • God (Track 1)
  • King George (Track 3)
  • The Deal (Track 7)

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