Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 43/2009

Albumcover

Mumford & Sons
Sigh No More

Rumgezicke ist nicht ihr Ding: Selbst wenn sie bei der BBC schon mal zwischen Beyoncé und Jay-Z „gesandwicht“ werden, freuen sie sich darüber, dass man ihre Musik spielt. Sympathisch sollten einem Mumford & Sons aus London also bereits sein, bevor man auch nur einen Ton ihres musikalischen Schaffens zu Ohren bekommen hat. Tatsächlich lässt sich dieses Attribut noch weiter in die positive Richtung steigern, ist dies erst einmal geschehen.

Von Debüt-Unsicherheiten keine Spur und das schlägt sich auch deutlich im Sound nieder: Leichtfüßig und beschwingt kommt das Album daher und hüllt den Hörer unter oft minimalem Aufwand mit seinem außergewöhnlich warmen Klang ein, der nicht nur Frauenherzen schneller schlagen lässt. Eine bodenständige Wertarbeit liefert das Quartett ab und umgeht souverän modischen Schnickschnack. Englischen Gitarrenpop machen sie, Extras nicht ausgeschlossen. Marcus Mumfords Gesang taucht dabei wie ein Webschiffchen mal in der Instrumentierung unter, um an späterer Stelle um so lauter wieder hervorzutreten. Jedoch auch wenn hier zunächst nur Stimme und Saiteninstrument zum Einsatz kommen, haben die Fäden im Musikteppich einen ordentlichen Durchmesser, was wohl an dem vielstimmigen Gesang liegt. Immer wieder wird der Sänger gleich von allen drei Bandkollegen begleitet, was seine ohnehin schon raue, kratzige Stimme noch präsenter macht. Das Leben und der Alkohol liegen schwer auf seinen Stimmbändern und so gerät dieses Debüt zu einem Resümee der Beziehungen zwischen Mann und Frau.

Spartanische Anfänge sind bei Mumford & Sons keineswegs zu unterschätzen. Man kennt das ja: Zunächst ist alles einfach, überschaubar und logisch. Später folgt aufbrausendes Gehabe, es wird komplizierter, bis ganz zum Ende oft jemand unglücklich zurückbleibt. Viele Songs folgen diesem Schema. “Roll Away Your Stone“ macht es vor: Die Gitarre und das Banjo eröffnen erst ganz niedlich mit einem einfachen Rhythmus und rangeln später um die entscheidende Vorherrschaft. Was als menuettartiger mittelalterlicher Tanz beginnt, liefert sich mit Instrumenten und Stimme einen Wettstreit um den Platz im Rampenlicht. Spätestens da ist von Folklore auch keine Spur mehr und die Percussions donnern wie Fußgetrampel, um das entschlossene Statement „These are my desires/ And I won´t give them up to you this time“ noch eine Spur energischer wirken zu lassen.

Aber nicht immer sind die Songtexte derart mit positiver Konfrontation beschaffen. Es geht tiefer. Wer denkt, Zeilen wie „I find strength in pain/ I know my name as it`s cold again“ ließen sich nur in der Schwarzen Szene finden, wird in „The Cave“ eines Besseren belehrt. Mumford & Sons haben definitiv ein Faible für düstere Texte, das ist sicher. Und ganz sicher auch für ein gepflegtes Quäntchen Selbstmitleid. Der Seelenpein wirkt dank der eher luftigen Instrumentierung aber nie zu übertrieben oder pathetisch. Allen voran gibt die Gitarre einen beschwingten Ton vor. Mal locker angeschlagen, mal gezupft untermalend eingesetzt liefert sie das Gegenpendant zu den melancholischen Geschichten. Nicht zu unterschätzen ist auch der fröhliche Klang des Banjos, das es schafft, mit seinen hohen, dumpfen Tönen in die düsterste Atmosphäre etwas Behagliches zu bringen. Die Single „Little Lion Man“ repräsentiert dabei die Klasse dieses Albums. Selbst wenn die Wörter kühl und die Welt kalt ist – der Klang bleibt mit Sicherheit angenehm. Ohne jene Gegensätze liefe das Album vermutlich auch Gefahr, in die Gefilde der Eintönigkeit abzudriften. So wie man warme Füße erst dann richtig zu schätzen weiß, wenn es draußen kalt ist, kommt der muntere Klang der Musik erst durch die Gegensätzlichkeit zur Lyrik zur Wirkung und umgekehrt - wie in „Thistle And Weeds“. Hier wird dieses Schema auf den Kopf gestellt: Das Schlagzeug zeigt sich von seiner dumpfsten und dunkelsten Seite, das Keyboard bebt wie ein zitterndes, kaltes Gewässer, das Tamburin spielt mit der Handbremse, während die Stimme entgegensetzt: „Plant your hope with good seeds/ Don`t cover yourself with thistle and weeds“.

Hat sich die englische Musikszene meist relativ resistent gegenüber Einflüssen aus der ländlichen amerikanischen Szene erwiesen, wird dieses Schema aufgesprengt. Obwohl die Truppe aus England kommt, lässt sich ihre Musik vom Klangbild her eher dem amerikanischen Folk zuordnen. Obwohl das Banjo an sich in England nicht unbekannt ist, ganz im Gegenteil eigentlich, wird dieses Instrument meist mit dem amerikanischen Süden in Verbindung gebracht und dem dazugehörigen Jeans-Latzhosen tragenden und -grashalmkauenden Bewohner dieser Breitengrade. Klischee, Klischee.

Eines hat das englische Quartett mit ihnen jedoch gemein: Die Liebe zum Geschichtenerzählen. Im kraftvollen „Dust Bowl Dance“ wird der namenlose Protagonist im Alter von 16 Jahren aus seiner Heimat vertrieben und kann den daraus resultierenden Schmerz nicht überwinden („I have nowhere to stand/ And nowhere to hide“). Der Song endet mit einem aufbrausenden wie ermüdenden Rachefeldzug. Man merkt schnell: Die Themen und Geschichten gleichen sich auf den unterschiedlichen Seiten des Atlantiks und erst recht innerhalb Europas. Mumford & Sons konzentrieren diese Universalien unter dem Brennglas des Folkpops. Es geht um Liebe, um Schmerz. Einfach das Leben. (Hannah Seichter, CmapusFM)

VÖ: 23.10.2009

Band: http://www.myspace.com/mumfordandsons | Label: http://www.islandrecords.com

Anspieltipps

  • Little Lion Man, 07
  • Sigh No More, 01
  • Roll Away Your Stone, 04
  • Thistle And Weeds, 09
  • Dust Bowl Dance, 11

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