Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 36/2009

Albumcover

Mos Def
The Ecstatic

Er ist mal hier, dann ist er mal wieder da. Um einmal dies und dann wieder das zu machen. Finden wir das mittlerweile eigentlich noch dope? Die Antwort ist: mos(t) def(intitly). Denn wer gerade noch per Anhalter durch die Galaxie gewesen ist, auf dem Weg zurück kurz Zeit fand bei Dave Chappelle die Block Party zu rocken und sich in New York für die noch immer Hilfe bedürftigen Opfer des Hurricanes Katrina einsetzt, um dann noch nebenher in ein Studio zu hocken und „The Estatic“ zu droppen, verdient Respekt.

„The Estatic“ ist Mos Defs viertes Soloalbum. Doch wer nach den beiden zuletzt veröffentlichten Alben „The New Danger“ und „True Magic“ jetzt endlich den langersehnten musikalischen Nachfolger des legendären Erstlings „Black On Both Side“ erwartet, der sei ein weiteres Mal enttäuscht. „The Ecstatic“ mag zwar wieder mehr ein Rap Album sein als zuletzt die doch eher soulorientierten Werke, liegt aber durch seine experimentelle Vielfalt näher an „The New Danger“ und „True Magic“. Somit erleben wir in „The Ecstatic“ einen gelungenen Mix der Sprunghaftigkeit des Dante Terrell Smith alias Mos Def alias The Freaky Nightwatchmen alias, alias, alias, der Eindrücke, Stile und Positionen auf einen Silberling pressen will.

Gräben überspringen, Verknüpfungen herstellen – und das mit Schwung. Schon das Cover, das von Charles Burnetts Film „Killer of Sheep“ inspiriert ist, zeigt die künstlerische Freiheit, die sich der New Yorker Rapper nach seinem Wechsel zu Downtown Records nimmt. Gleich beim ersten Blick auf das Cover überfällt einen direkt diese unübersehbare Dynamik, die der springende Mann vermittelt und der warme Rotfarbton verleiht Dringlichkeit und schreit nach Aufmerksamkeit.

So holt Mos Def einen auf „Supermagic“ direkt ab und verwandelt den Beat von Produzent Oh No in ein rauschendes Feuerwerk aus Gitarrenriffs und „Mosmathics“. Verzaubert geht es weiter auf dem von Madlib produzierten „Auditorium“, das mit Slick Rick einen weiteren Meister des gesprochenen Worts liefert. Beide zusammen verstricken sich in Geschichten aus dem Leben, sei es aus den tristen Ecken dieser Welt oder auch gerne mal aus der Sicht eines amerikanischen Soldaten im Irak. Alles in allem sehr unterhaltsam und spannend vorgetragen. Es fällt auf, dass halt an guten Produzenten und besonderen Gästen nicht gespart wurde – Mos Defs Netzwerk pulsiert. So geben sich neben Madlib und Oh no auch J Dilla und die kritikal-aufgeweckte Georgia Anne Muldrow („Roses“ ist auch auf ihrem neuen Album) die Klinke in die Hand.

Unterschiedliche Gäste, unterschiedliche Reaktionen – die Formel geht auf. Weltmusikalische, orientalische Samples treffen auf rockige Gitarren wie in „The Embassy“ oder Mos Def versucht sich auf Spanisch wie in „No Hay Nada Mas“. Schade ist nur, dass man das Gefühl hat, dass diese Vielschichtigkeit auch daher rühren könnte, dass das ein oder andere Lied, wie „Supermagic“, „Auditorium“ oder „Revelations“ aus bereits anderen Veröffentlichungen zusammengewürfelt sind. Die großen Evolutionssprünge des HipHops passieren anderswo.

Letztendlich lässt sich der Hörer aber auf ein sehr schwungvolles Hip Hop Album ein, das sich nicht die Fesseln der gängigen Klischees anlegen lässt oder mit Autotune zugrunde geht. Was Mos Def trotzdem nicht vom Singen abhält wie in „Pistola“ oder an der Seite von Georgia Anne Muldrow in „Roses“. Den Durchschnittshörer könnte so viel Schaffensfreiheit aber auch überfordern und selbst ein geübter „Head“ kann sich einer gewissen Reizüberflutung und Leere am Ende des Albums nicht erwehren. Und das, obwohl mindestens ein Drittel der Songs durch ihre Kürze eher wie Skits wirken: Dadurch gewinnt das Album an Drive.

Gerade weil am Ende nicht jede Frage und jedes Thema Antworten und Lösungen parat hat, ist dieses Album aktuell. Und wieder lässt sich eine Parallele zu dem auf dem Cover zitierten Film „Killer of Sheep“ erkennen, denn auch im Film werden sie Szenen nicht aufgelöst, sondern zeigen die Uneindeutigkeiten und das Leben, wie es ist. Manchmal schrecklich und düster, dann wieder erfüllt von überirdischer Freude und feinem Humor. Einfach Mos Def oder wie er in „Pretty Dancer“ selbst von sich sagt: „Fly like a dog from up above.“ (Kochanek, Alexander | hochschulradio düsseldorf)

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