Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 15/2007

Albumcover

Modest Mouse
We Were Dead Before The Ship Even Sank

Joss Stone sitzt in ihrem nagelneuen Penthouse in New York und trinkt fassungslos heute bereits den achten Martini. Die neuen Klamotten liegen im Zimmer verstreut umher, der Haussegen hängt schief. Gerade laufen sie wieder, die offiziellen Billboard-Charts. Hundert Freunde sind eingeladen - es sollte die rauschendste Nacht des Jahres werden. Und jetzt das: Sechs zersauselte und ungewaschene Rocker tauchen quasi aus dem Nichts auf und schnappen sich ihn: Den höchsten Neueinstieg der Woche. Die Pole-Position der Charts.

Kaum zu glauben, aber wahr. Mit 129.000 verkauften Exemplaren sprinten Modest Mouse erstmalig auf die Nummer Eins der us-amerikanischen Albumcharts, während Joss Stone es "nur" auf Platz zwei schafft. Die eine weint, die anderen feiern. Modest Mouse sind endlich da angekommen, wo sie die Kritiker bereits seit Jahren sehen. Aber wenigstens ist in der zweiten Woche für die junge Dame der Fall nicht ganz so hart. Ihr Album sinkt auf Platz acht, während die Jungs von Modest Mouse den etwas härteren Fall auf Platz elf mit der Titelbenennung ihres fünften Albums "We Were Dead Before The Ship Even Sank" vielleicht schon subtil heraufbeschworen haben. Allerdings: Die Schmerzen, die Sänger Isaac Brock verspürt, rühren dann doch eher noch von seinen inszenierten Selbstverstümmelungen, die er sich kürzlich bei einem Konzert in South Dakota zugefügt hat.

Zunächst nur als Tourgitarrist dabei, wurde Johnny Marr von „The Smiths“ vollwertiges Mitglied der Indierocker. Uneins sind sich die Kritiker über das Mitwirken der englischen Legende. Marr steuerte nicht nur Gitarrenparts bei, sondern wirkte auch noch als Co-Autor mit. Aber während die einen Johnnys Handschrift an den prägnanten Riffs bejubeln, hören die anderen ihn gar nicht heraus, weil er sich dem Klang von Modest Mouse völlig unterordnet. Diejenigen, die vorher weder Modest Mouse noch The Smiths gehört haben, können sich also am ehesten ganz unbelastet dem Album nähern und einfach die Soundwellen um sich plätschern und -schlagen lassen.

Egal, wie man Marrs Mitwirken beurteilt, geschadet oder gar völlig umgekrempelt hat er Isaac Brock, Eric Judy und Jeremiah Green nicht. Viel eher der Band noch ein weiteres, prominentes Gesicht verliehen. Viel prägender für die Band ist sowieso die charakteristische und wandlungsfähige Stimme Brocks, die von balladesken Klängen bis zum kehligen Ausbruch zu brillieren weiß. Songs wie "Dashboard" und "We´ve Got Everything" zeigen mit ihrem popigen, zugänglichen Sound eine deutliche Nähe zum Mainstream und schaffen es fast ohrwurmtauglich den Zuhörer zum Tanz zu animieren. Insgesamt bleiben auf dem Album aber noch genügend Ecken und Kanten, die das Meerwasser am sinkenden Schiff nicht glattgeschliffen hat. Irgendwie schaffen es Modest Mouse durch das Vermischen und Brechen von Stilen, die unter anderem Folk und New-Wave Elemente enthalten, auf Basis ihrer Indie-Rock Wurzeln immer wieder gerade noch rechtzeitig sich vor einem allzu einheitlichen Klangbrei zu retten. An dieser Stelle darf dann auch die Frage erlaubt sein, wie lange sie das noch schaffen? Die Antwort werden wir wohl erst mit den zukünftigen Alben erhalten.

Die lyrische Mehrdeutigkeit und Bissigkeit haben sie sich jedenfalls bisher noch erhalten. Das Highlight von "We Were Dead Before The Ship Even Sank" ist der Titel "Spitting Venom", der allein schon durch seine Länge von 8:29 Minuten sich selbst in die zentrale Position rückt. Und er verinnerlicht alles, was Modest Mouse ausmacht: Er schafft Kehrtwendungen, fesselt den Zuhörer mit wechselndem Klang und überrascht mit vielschichtigen Stimmungen. Er ist der Prototyp eines Indierock-Songs. Ist der Albumtitel also nur ein geschicktes Täuschungsmanöver? Das Schiff ist nämlich längst noch nicht gesunken und die Besatzung längst nicht tot. Sondern strotzt trotz Untergangsstimmung voller Leben. (Florian Hesse, Triquency)

VÖ: 30.03.2007

Band: http://modestmousemusic.com | Label: http://www.epicrecords.com

Anspieltipps

  • Dashboard, Track 2
  • People As Places As People, Track 13
  • March Into The Sea, Track 1
  • Florida, Track 4
  • We´ve Got Everything, Track 7

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