Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 22/2009

Albumcover

Moderat
Moderat

2009 ist Techno endgültig zurück in der öffentlichen Wahrnehmung. Epizentrum des neuen Aufmerksamkeitsbebens ist dabei eindeutig Berlin. Das bezeugen nicht nur die Heerscharen der sprichwörtlich gewordenen Easyjet-Raver, die Woche für Woche die Clubs der Hauptstadt bevölkern, sondern auch der Kinofilm "Berlin Calling" vom vergangenen Herbst sowie Tobias Rapps literarisches Feierszene-Denkmal "Lost and Sound." Einzig der perfekte Soundtrack in Albumform, dem der Spagat zwischen Szene-Kredibilität und bedingungsloser Anschlussfähigkeit an den (Indie-)Mainstream gelingt, ließ bis jetzt noch auf sich warten. Mit Moderat treten nun drei Protagonisten zum großen Wurf an, die wie kaum jemand sonst den Berliner Sound der Nuller-Jahre vom Funktionalitätsdiktum befreit, ohne dabei die Tanzbodenerdung gänzlich verloren zu haben.

Moderat ist ein Zusammenschluss von Gernot Bronsert und Sebastian Szary, besser bekannt als die albern-sympathischen Rave-Eklektiker Modeselektor und dem dreitagebärtig-verknitterten Techno-Posterboy Sascha Ring alias Apparat. Kennengelernt haben sie sich als Nobodys vor etwa zehn Jahren in der damals noch überschaubaren Berliner Szene, eine erste gemeinsame EP als Moderat kam 2003 auf ihrem Heimatlabel Bpitch Control. Seitdem wird das Debütalbum sehnsüchtig erwartet, zu mal die drei mit ihren Ursprungsprojekten in der Zwischenzeit richtig durchstarteten. Mit erfrischender Ignoranz für Genre-Schubladen und filigran-kompromisslosem Rave-Krawall eroberten Modeselektor weltweit Herzen, unter anderem das von Thom Yorke, der sie im letzten Jahr als Support von Radiohead für deren Welttournee verpflichtete. Apparat dagegen holte mit seinem romantischen Laptop-Shoegaze hartgesottene Raver und Indie-Kids zum gemeinschaftlichen Weinen auf dem Dancefloor und bewies auf "Orchestra of Bubbles" gemeinsam mit Ellen Allien, dass sich zuckersüßer Popappeal und Partytauglichkeit alles andere als auschließen müssen.
So weit die Voraussetzungen, so schwer die Last, die auf den Schultern von Moderat lastet. Sie nehmen sie zunächst augenzwinkernd auf. Zwischen ironischer Distanz zum eigenen Schaffen und Größenwahn liegt beim Titel des Openers "A New Error" phonetisch erst mal gar rein nichts, klingt er doch schön zweideutig auch wie "A New Era", also der Beginn einer neuen Ära.

Wer von der Symbiose des ungleichen Paares Modeselektor und Apparat jedoch musikalisch den Aufbruch zu völlig neuen Ufern erwartet hat, wird enttäuscht. Die Synthies zwitschern in analoger Glückseligkeit, elegisch breite Flächen schieben sich Richtung Sonnenaufgang. Das ist romantischer Stadionpop 2.0 und trägt eher die Handschrift Apparats als die der Modeselektoren. Ein früher Höhepunkt des Albums ist "Rusty Nails", das zwischen einem trockenen Dubstepbeat und dem schüchternen Gesang Apparats eine eigentümliche Spannung entwickelt.

Der dunkelste Track des Albums folgt kurz darauf in Form von "Slow Match" mit Paul St.Hilaire. Der in Berlin lebende Reggaesänger beweist, dass er mit seinem mantra-artigen Gesang statt hypnotischen Dub-Produktionen wie die der legendären Rhythm & Sound auch dreckigen Grime veredeln kann. Doch danach taucht man wieder ab in die tiefen Sphären subtiler Synthpads und elektronisch verstärkten Dreampops. Pate gestanden haben bei Stücken wie "3 Minutes Of" und "Nasty Silence" dabei wohl vor allem englische Shoegaze-Bands wie Slowdive oder My Bloody Valentine.
Die gewitzten Beatkonstruktionen von Modeselektors letzten Album "Happy Birthday" vermisst man fast völlig, bei Moderat siegt Textur über Grundierung. Das zweite Gastfeature der Platte, das mit Eased“ aka Frank A. Dellé von Seeed eingespielte "Sick With It" bleibt weiter hinter "Slow Match" zurück und ist einer der Schwachpunkte. Ein versöhnliches Ende bietet "Out Of Sight", zu dem wieder Apparat den Gesang beisteuert und das in seiner somnambulen Erschöpfung ein wenig an Burial erinnert. So ist Moderats Debüt zwar nicht die von vielen erträumte Offenbarung geworden, aber letztlich doch nur die logische Konsequenz seines Entstehungshintergrundes: Der Soundtrack zum posteuphorischen High des Nachtlebens, in den die Ahnung der großen Krise schon eingeschrieben ist. Zumindest für diesen Festivalsommer wird seine eskapistische Strahlkraft überdauern. (Julian Jochmaring, hochschulradio düsseldorf)

VÖ: 08.05.2009

Künstler: http://www.myspace.com/moderat | Label: http://www.bpitchcontrol.com

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