Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 52/2009

Albumcover

Minnaars
Of Our Delirious Former Loving Hours

Es piept und piept. Zwischendurch setzt dann ein knackiges Schlagzeug ein. Schnell kommt die Frage auf, welches Gameboyspiel für die Sampleeffekte in „Open Letter To Andrew“ herhalten musste. Eine Frage, die auch innerhalb der 5 Minuten des Songs immer wieder auftauchen wird. Eine Frage, die auch im Verlauf des Albums „Of Our Delirious Former Loving Hours“ von der Band Minnaars zwar aufkommt, aber den Hörer nur auf eine falsche Fährte locken soll. Mit Bitpop hat die Band aus Leicester, England, rein gar nicht gemein.

Auf ihrem Debüt bewegen sie sich irgendwo zwischen Postpunk Indie, und Waverock, gepaart mit Elektro-Elementen. Wild durcheinander spielt sich das Quintett durch die acht Songs, die an und für sich aufgeräumt und konstruiert klingen. Die Leadgitarre verzichtet oft auf durchgeschlagene Akkorde und nähert sich dem Klang der Foals, die ein ums andere Mal hier Pate stehen Synthies wechseln mit Gitarren, unterstützt von einem verzerrten Gesang. Die Melodien nehmen hypnotische Bahnen an. Nach 38 Minuten ist das ganze dann schon wieder vorbei. Gerade beim ersten Hören bleibt der Hörer mit einem Fragezeichen auf der Stirn zurück. Was will einem die Band mit diesem Album sagen? Es braucht Zeit, sich in die Musik Minnaars hineinzufinden. Zu wuchtig trifft es einem beim ersten Mal. Zu hektisch wirken die gezupften Gitarrenmelodien, die fast digital wirken.Das Album klingt wie aus einem Guss, was nicht immer von Vorteil ist, Vergeblich begibt man sich auf die Suche nach einer Varianz, die einem anzeigt, wenn ein neuer Song beginnt und der vorherige aufhört. Auch, weil das Hakenschlagen hier zur Perfektion geübt wird. „Your Heart“ fängt mit hohen Gitarrentönen an, läuft dann auf eine Keyboardwand auf, abstrahiert Melodien, wird von einem lädierten Gesang aufgefangen, während die Band im Hintergrund Topfschlagen spielt. Dann ist die erste Minute vorbei. Drei Brüche später will die Gitarre mehr Gewalt und der Gesang mehr Hymnenhaftigkeit

Es ist keine Musik für einen entspannten Abend, viel zu wild wechseln sich Instrumente und Richtungen ab. Zudem fordert der Gesang von Adam James Douglas Pickering dazu auf, sich genau mit den Songs auseinanderzusetzen. Es wirkt, als habe jedes Riff und jeder Synthieeffekt eine eigene Bedeutung Gebilde des Albums. Aufgebläht zur Bedeutung, ein Konstrukt, das immerwährend auch Parallelen zur Wirkweise von Math Rock aufzeigt.Wer sie aber vorschnell aus Kreuzung zwischen Foals und Forward Russia abtut, tut der Band unrecht. Die Karriere von Minnaars hat zwar gerade erst begonnen, jedoch musizieren sie bereits sie Jahren in diesem Stil. Bisher gibt es neben dem Debut noch eine selbstbetitelte EP, die im vergangenen Jahr erschienen ist. Trotz der jungen Karriere waren sie schon auf den großen britischen Festivals Leeds und Reading vertreten. Vielleicht kann man dies als Zeichen werten, dass die Band eine größere Karriere vor sich hat. Die Ansätze bringt „Of Our Delirious Former Loving Hours“ mit. Lange mitreißende Soli, wie in „Busy Hands“, scharfkantige Vocals mit Wiedererkennungswert und den Mut, einen neuen Sound auszutesten, der sicherlich an der ein oder anderen Stelle noch mehr Eigenwert braucht, um sich in der Post-Tanzrockphase und der Krise der englischen Rockmusik behaupten zu können. Sicherlich ist das alles noch nicht perfekt, aber erwartet man das bei einem Debut? Aber die Band muss an sich arbeiten um weiterhin aus der großen Masse britischer Bands hervorzustechen. Noch zu sehr erinnern die Songs an irgendwelche Lieder, die man irgendwann mal im Radio gehört hat. Noch fehlt ihnen das andersartige. Die eigene Note haben die Briten noch nicht gefunden. Was bleibt ist dennoch ein durchaus wertiges Debüt, was sich in Klarheit und Ausdruck flüchtet und dabei ebenso tanzbar wie komplex ist. (Michael Savic, CT das radio)

VÖ: 11.12.2009

Anspieltipps

  • Spelt WIth A K, Not a C, Track 4
  • Busy Hands, Track 5
  • To Jackals, Track 2
  • Essay Essay Essay, Track 3

Archiv aller Silberlinge

radiobar