Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 45/2010

Albumcover

Miles Benjamin Anthony Robinson
Summer Of Fear

Sommer, Sonne -  Angstzustand? Normalerweise verbinden wir die warme Jahreszeit eher mit der Verköstigung diverser Eissorten und dem Tanken von Vitamin D und weniger mit quälendem Selbstzweifel, Ausweglosigkeit und verflossenen Liebschaften. Aber wir heißen ja auch nicht Miles Benjamin Anthony Robinson und haben uns für die Verarbeitung unserer Erfahrungen nicht das Medium Musik ausgesucht. Hätte sich der werte Herr Robinson im Sommer 2007 mehr mit den positiven Seiten des Lebens beschäftigt, wäre uns aber jetzt auch eine Scheibe durch die Lappen gegangen, die vieles ist, nur nicht belanglos. 
 
Wer Robinsons mittlerweile zu Unrecht als bloßes Demo abgestempelte Lo-Fi-Debüt kennt, wird beim ersten Hören der neuen Platte „Summer of Fear“ dennoch die Augenbrauen hochziehen: der verwaschene, erdige Indiefolk-Sound ist mit dem neuen Album „Summer of Fear“ Geschichte und einer stark aufpolierten Produktion gewichen. Vielleicht wollte es der junge Troubadour mit dem Wechsel zu Saddle Creek dem Labelgründer Conor Oberst gleich tun, der in den Jahren vor dem Wechsel zu Universal auch mehr zum Heartland Rock, eine Mischung aus Folk, klassischen Rhythm’n’Blues-Einflüssen und einer gehörigen Portion Country, tendiert hat.
 
Was auch immer Robinson dazu bewegt hat auf dem Album „Summer of Fear“, seinen von Drogensucht, Heimatlosigkeit und Liebeskummer geprägten Sommer in dieser Art und Weise zu instrumentieren (oder instrumentalisieren?), es muss fast schon ein Fingerzeig vom 70iger Jahre-Rockolymp gewesen sein. So ist es auch nicht verwunderlich, dass Robinson sein Album fast schon als direkte Hommage an den Musiker Tom Petty aufzieht und uns die volle Palette des grundehrlichen, bodenständigen, die Herzen durch die Mangel drehenden Rocks, näherbringt. All Das ganz ohne Hype und Rockstargehabe, dafür mit Orgel, klassischem Gitarrensound, der gerade auf der Single „The Sound“ den Boss vors geistige Auge ruft, und Zitaten aus Funk und Soul.
 
Die Intimität, der Schmerz aber auch die Suche nach Erlösung zieht sich wie ein roter Faden durch die Platte, und spätestens wenn uns Zeilen wie "Why would I try to hang on to anyone else? / It’s a hard enough time trying to hang on to myself" aus der Single „The Sound“  entgegen geschleudert werden, wird klar, dass es hier nicht darum geht, Mitleid zu erhaschen, sondern dass die erwähnte Suche noch lange nicht zu Ende ist. Bereits die ersten Textzeilen des Albumopeners „Shake A Shot“, „First of May to the last of March / the whole thing is the hardest part”, sind nicht nur ein Zitat frei nach Tom Petty, sondern zeigen auch, dass der von Robinson beschrittene Weg alles andere als ein leichter war. Dazu ein Quentchen stimmlicher Bob Dylan-Dramatik, und schon hat uns der junge Bursche in den Bann seiner Leidensgeschichte gezogen. Man will einfach wissen, wie er sich aus dieser Geschichte wieder herausgewunden hat. Dass er das ganz alleine schaffen muss, zeigt er uns immerhin selbst im Song „Hard Row“, wenn er singt: „After the long shot / whether it works or not / You’ve gotta eat the crap you caught“. Umso interessanter, dass gerade dieser Song als einer der beschwingtesten und mitwipptauglichsten Tracks der Platte daherkommt und locker mit Schellenkranz, Soulpiano und minimaler Akustikgitarrenuntermalung jongliert.
 
Auch wenn Robinson manchmal aus seinem musikalischen Grundtenor ausbricht, hat er doch den Sound, der zu seinen melancholischen Hymnen passt, schon längst gefunden: Von den nasalen Vokalnuancen und der gebrochenen, zittrigen Stimme eines Bob Dylan über die Instrumentierung im Stile von Tom Petty bis hin zu hymnischen Anleihen wie beispielsweise im zweiten Track des Albums, „Always An Anchor“, der dank charakteristischem Springsteen-Hey! samt folgendem Streichereinsatz Fans von The Boss ein Lächeln aufs Gesicht zaubern dürfte, ist alles vertreten, was die 70er Jahre an amerikanisch gefärbten Rocksongs und Working-Class-Musik hervorgebracht haben. Aber trotz seiner Vorliebe für die alte Garde lässt sich Robinson gerade musikalisch durchaus auch dem gepflegten aktuellen Indie im Stil von Blitzen Trapper, Band of Horses oder Okkervil River zuordnen, was in „Summer of Fear Pt. 1“ und seinen treibenden Countrygitarren deutlich zum Vorschein kommt. Klar scheint gerade bei solcher Musik auch gerne mal ein guter Batzen Pathos durch, aber wer damit bei solchen offensichtlichen Einflüssen nicht gerechnet hat, hat Tom und seine Herzensbrecher noch nie singen gehört. Miles Benjamin Anthony Robinsons Musik bleibt dennoch immer authentisch und gerät nicht zum Kalkül.
 
Was bleibt also von dem sagenumwobenen Sommer der Angst? Abgesehen von den Erkenntnissen über die unbarmherzigen und manchmal unvermeidbaren Mühlen des Lebens, die Robinson mit uns teilt und den poetischen Songtexten, die sich stellenweise hartnäckig in den Köpfen halten dürften? Die Gewissheit, dass Musik manchmal die beste Therapie ist.
Danke, Miles Benjamin Anthony Robinson. Und auch wenn das nicht die feine Englische Art ist: Wir wünschen dir mehr bittersüße Sommertage und mehr schlaflose Nächte, damit dir der Stoff für neue tief schürfende und bewegende Alben nie ausgeht. (Florian Zandt, Radio Q)

VÖ: 12.11.2010

Links: Myspace | Facebook | Saddle Creek

Anspieltipps

The Sound, #3
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Trap Door, #5
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Death By Dust, #9
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Shake A Shot, #1
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Hard Row, #4
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