Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 03/2012

Albumcover

Milagres
Glowing Mouth

Milagres ist eine fünfköpfige Band aus Brooklyn, die aber weder etwas mit den Strokes gemeinsam hat, noch Parallelen zu Interpol aufweist. Stattdessen wird auf den Sound der Insel geschielt: es sind Ähnlichkeiten zu den Wild Beasts als auch zu Lightspeed Champion erkennbar. Gutmütige Kritiker vergleichen die Gruppe sogar mit dem frühen Coldplay - Sound, der noch weniger unmittelbar zugänglich erschien als die jüngsten Werke. Wave-Anleihen sind auf "Glowing Mouth" ebenso zentral wie die Hall-Momente, die das Album ebenso durchlaufen wie zahlreiche Synthieeinsätze. Letztere stürzen sich unter anderem ganz plötzlich, aber beim wiederholten Hören doch gezielt in "Lost in the dark" in das Soundgewand und exemplifizieren den systematischen Aufbau der Songs: Milagres schöpfen ihre Klangbausteinkiste bis ins Letzte aus. Jedes Element verfolgt in dem Song eine klare Linie, das Hinzufügen der Syntieparts hindert jene nicht, diesen Weg aus den Augen zu verlieren, sondern demonstriert die musikalische Bandbreite der Band. Im Titeltrack "Glowing Mouth" erklingen synchron ein Wurlitzer und ein Synthie. Darunter erzeugt eine Drummachine einen Bass, der an seiner Dominanz trotz des über viereinhalb Minuten wiederholten Synthieparts nichts einbüßt. Selbst Streichelemente lassen sich auffinden, so beispielsweise in "Moon on the sea´s gate" als auch in dem letzten Song "Untitled."

Die Songarrangements wirken mitunter nahezu opulent. Das mag zum einen an der zwischen großem Hall und schwirrenden Klängen liegenden Instrumentierung liegen, die dank des ambitionierten Stimmeinsatzes von Kyle Wilson weder in den Hinter-, noch in den Vordergrund gerät. Es ist ein Verdienst, dass Wilson es vermag, mit den Songelementen zu jonglieren, ohne diesen eine autonome Bewegungskraft abzusprechen. Desweiteren schafft Wilson es immer wieder, seine Stimme zu variieren. So beispielsweise in "Fright of Thee", als auch in "Moon on the Sea´s Gate", bei der kurzzeitige Assoziationen zu der rauchigen Vocalvoice von Iliketrains auftreten könnten. Und dann gibt es wieder andere Stellen, wo er wahrhaftig ein wenig wie Chris Martin klingt. Weich, hoch und gefühlvoll. Dennoch wirkt er trotz der insgesamt melancholisch und eher dunkel scheinenden Stimmung, die das Album durchweht, nie wehleidig.

Denn auch die Textpassagen, die auf persönliche Erlebnisse hindeuten, sind stets aus einer gewissen Distanz heraus verfasst. Diese Perspektive garantiert somit Überschaubarkeit. In diesem Kontext gewinnt das Album schon nahezu introspektiven Charakter. Wilson blickt in "Gentle beast" zurück: "Loved a girl, when I was twelve […], but I never feel that way I felt." Auf der anderen Seite zitiert Wilson im Titelstück die Dunkelheit, die einst zu ihm sprach: "Son, you better get used to believing in things that you can´t see." Ähnlich haben es Placebo einmal in "Twenty years" ausgedrückt: "We need to concentrate on more than meets the eye." Das Imaginäre bleibt also durchaus in der Sphäre des Realistischen. Die Lyrics behalten jedoch überwiegend eine gewisse Rätselhaftigkeit bei. Auf "Glowing Mouth" werden ästhetische Bildklanglandschaften (so beispielsweise im besagtem Titeltrack: "You and me under sheets of light, the red glow of a star on fire. Burning our feet on isolated beach as we throw everything we own into the sea.") erschaffen. Diese bieten virtuoses Material, das es auf subjektiver Ebene zu interpretieren gilt. Auffällig häufig wird von der Natur gesprochen: Wölfe, Gipfel, Blätter, Strände, die Antarktis. All das taucht in der Welt des lyrischen Ichs auf. Darunter soll jedoch nicht verstanden werden, dass hier ein naiv, romantisch idealisierendes Bild der Natur gezeichnet wird; Wilson weist auf die Bedrohlichkeit und Disharmonie der Natur hin (so unter anderem in der Single "Here to stay", in der es u.a. heißt: "The way you tell it, it sounds so nice. The sandy beaches, buckets of ice. What about hurricanes? What about mice?"). Ob in dieser Metaphorik die Erlebnisse eines schweren Unfalls Wilsons bei einer Bergwanderung eingebettet sind, der die Aufnahme des Albums fast verhinderte, kann jedoch nur vermutet werden. Die Lyrics sind hierfür weitestgehend zu amibalent.

"Glowing Mouth" ist ein abwechslungsreiches Album, das künstlerische Freiheit demonstriert. In diesem Fall begrenzt diese sich selbst nur dadurch, dass sie sich insgesamt in ein doch eher dunkles Gewand gezwängt hat, das aber eine innere Schönheit aufweist, die alle Songs durchläuft. Alles bleibt im Rahmen einer gewissen Traurigkeit und Trübheit. Auf einmal mischt sich in die hallig verträumten Atmosphären wieder ein klarer, heller Moment ein, der für ein Gefühl von Vertrauen sorgt. So zum Beispiel bei "Gentle Beast" in Pianoform. Dieser Song beginnt ruhig und entwickelt sich dann hin zu einem aufwendig dichten und aufwühlenden Abschluss, der vor allem im Gesamtkontext des Albums bewertet werden muss, das es stets wieder schafft, eine Spannungswelle aufzubauen und die Songs so in einen konzeptuellen Zusammenhang zu bringen. Das hat das "Glowing Mouth" in gewisser Hinsicht mit dem letzten Wild Beasts Album gemeinsam: die eigentliche Tiefe und Essenz präsentieren sich dem Hörer nur aus einem gewissen Abstand heraus. Das mindert natürlich nicht die Qualität der Einzelstücke, aber deutet daraufhin, dass dieses Album einem ein wenig Zeit und Konzentration abverlangt. Dann gelangt man eventuell zum Gipfel jener Erkenntnis. (Philipp Kressmann, CT das radio)

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Anspieltipps

Lost In The Dark, #5
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Gentle Beast, #4
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Halfway, #1
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Halfway, #2
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Fright Of Thee, #6
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