Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 11/2012

Albumcover

Michael Kiwanuka
Home Again

Eines der schwersten Unterfangen heutzutage ist es wohl Ruhe und Zeit für sich zu finden. Die Welt zu entschleunigen zwischen Smartphones, Daten- und Asphaltautobahnen und vor allem der Nachrichtenflut, die doch von überall her auf einen eintrommelt. Kopf abschalten und die Seele baumeln lassen; das Sonntagsmorgen-Gefühl genießen ohne Stress, ohne Zeitdruck. Das ist Luxus! Vielleicht ist es genau diese permanente Unruhe, diese Rastlosigkeit, die die Musikwelt so sehr von Michael Kiwanuka schwärmen lässt. Nicht weil er diese Unruhe anfeuert, im Gegenteil. Der 25jährige setzt dem Takt des Alltags einen Ruhepuls entgegen, der zwischen Soul, Folk und Blues liegt. Vorgetragen mit einer selbstverständlichen Leichtigkeit von einer wunderbar tiefen Stimme, die doppelt so alt klingt, wie sie ist.

Schnörkellos und mit einer guten Prise analogem Charme präsentiert sich das Debütalbum „Home Again“, dessen Titel schon fast zu plakativ ist und doch wie die berühmte Faust aufs Auge passt. Man zweifelt nicht eine Sekunde daran, dass Michael Kiwanuka mit seiner Musik angekommen und gänzlich im Einklang ist.  Aufgewachsen im Londoner Stadtteil Muswell Hill, als Sohn ugandischer Eltern, beginnt Kiwanuka im Alter von 16 Jahren das Gitarrespielen und geht dabei den klassischen Weg über Schul- und Rockbands. Damals noch weit weg vom Soul der 60er und 70er Jahre entdeckte er nur durch einen Zufall seine Liebe für diese musikalische Epoche: Dem jungen Musiker geriet eine CD aus einem Musikmagazin in die Hände, auf der sich eine seltene Aufnahme des Otis Redding Songs „Sitting On The Deck Of The Bay“ befand. Der Song war als Demo-Version aufgenommen und gerade dieser unperfekte, ehrliche Klang war es, der Kiwanuka fesselte und fortan nicht los ließ. Er begann Jazzmusik zu studieren und verdiente sich als Studiomusiker das Geld zum Leben. Seine eigenen Songs waren bloß reines Hobby. Irgendwann nahm er aber dann doch Demoversionen auf, mit denen er schnell für Aufsehen sorgte. Es dauerte nicht lange und die erste EP war produziert, die ihm den Auftritt im Vorprogramm bei Adeles Europatournee bescherte.

Schon der Opener „Tell Me A Tale“ ist Balsam für die Seele und beginnt mit einer schnatternden Querflöte in die kurz darauf eine sanft angeschlagene Akustikgitarre einsetzt. Der klassische Soulbeat bettet die Instrumente ein, die zwar keine stilistischen „Ausbrecher“ wagen, aber mit Kiwanukas warmer Stimme gediegen fusionieren. Die Produktion beschwört dabei den Soul der frühen siebziger Jahre, Motown, Jazz und Songwriting. Hier wird die Einfachheit zelebriert und sich zurückgesehnt zu vergangenen Zeiten. Kiwanuka kommt dabei ohne namhafte Gastsänger oder opulent gestaltete musikalische Kompositionen aus. Gerade mal eine gefühlte Hand voll Instrumente ist auf dem Album vertreten. Und wenn doch mal Streicher, Bläser und Orgel neben Gitarre, Schlagzeug und Bass treten, so geschieht dies stets dezent und stilsicher im Hintergrund verortet, weil im Vordergrund sowieso nur Platz für die warme Stimme ist.

Interessant ist, dass der Londoner Sänger vor allem auf eine amerikanische Klangfärbung zurückgreift und so gar nicht britisch klingt. Songs wie das shuffelige "Bones" oder "Always Waiting" atmen die Geschichte der Black Music und sind im Stil von Motownjazz, 60er-Jahre-Gospel und dumpfem R'n'B ausproduziert. Früher war der Soul eng verknüpft mit einer hohen Religiosität, die auch Kiwanuka nicht verleugnet. Teilweise nimmt er es mit der authentischen Adaption sogar genau: Auffällig häufig spricht er vom „Lord“ und seiner Spiritualität. Entsprechend der musikalischen Komposition geht Kiwanuka aber auch bei seinen Texten zurückhaltend vor, so dass die Anrufe der höheren Macht kaum störend wirken. Geschichte, Retro-Appeal und Nostalgie verschwimmen so. Das macht "Home Again" zu einem authentischen Soulpopalbum, das einer Ära nachspürt und qualitativ fast auf einer Ebene mit den ganz Großen liegt, weil es sich genau da bedient. Bei Van Morrison und den Temptations, bei Armstrong und den Epigonen wie Aloe Black oder Amy Winehouse. Kiwanuka erinnert daran, dass auch Bewährtes modern sein kann. (David Mader, CampusFM)

Anspieltipps

Home Again, #5
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Bones, #6
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Tell Me A Tale, #1
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I'm Getting Ready, #2
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Always Waiting, #7
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