Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 28/2010

Albumcover

M.I.A.
/\/\ /\ Y /\

"Zensur-Streit: China blockiert Teile der Google-Funktionen", heißt es auf Focus Online, die taz schreibt: "iPhone-Apps ohne Nackte: Apple zensiert 'Bild'" und die Süddeutsche Zeitung titelt: "YouTube sperrt M.I.A.-Video - Auf Provokation folgt Zensur". Die grenzenlose Freiheit des Internets ist schon längst ein Trugschluss, die großen Monopolisten der neuen Medien beschneiden Möglichkeiten und überwachen die Zugangsmöglichkeiten diverser Homepages. Entsprechend werden Rufe gegen Online-Zensur immer lauter.

Vor wenigen Wochen sperrte YouTube das Musikvideo zum Song "Born Free" von M.I.A., kurz nachdem die Plattenfirma XL Recordings dieses auf dem Videoportal zur Verfügung gestellt hat. YouTube sah sich zu diesem Akt gezwungen, da in dem Kurzfilm extreme Gewaltszenen und pornographische Inhalte zu sehen sind. Der Kurzfilm vom Regisseur Romain Gavras thematisiert Unterdrückung und Rassismus anhand eines auf den ersten Blick absurden Beispiels: die Verfolgung von Rothaarigen. Selten geht dabei ein Video so unter die Haut. Mit abstoßender Erbarmungslosigkeit und dem gewissen Kalkül für inszenierte Medienskandale wird der Zuschauer  selbst vor Exekutionsszenen nicht bewahrt. Die Miliz tötet zum Ende des Videos einen 12-jährigen per Kopfschuss und treibt den Rest der Verfolgten in ein Minenfeld. Das ist ganz sicher nur schwer erträglich, rüttelt aber gerade deswegen auf und lässt sowohl politische Maßnahmen als auch die Rezeption von Gewaltdarstellungen in den Medien reflektieren. Analog zum Video nimmt auch der dazugehörige Song "Born Free" das Thema “Befehlsgewalt” auf: "Man made power stood like a tower, higher and hi'ya hello, / and the higher you go you feel lower / oh oh so i was close to the ants staying under cover". Der Song selbst steckt dabei voller Wucht: Das energetische Schlagzeug drischt gnadenlos auf den Song ein, genau wie die Milizen auf ihre Opfer. 

 

Mathangi "Maya" Arulpragasam alias M.I.A. war schon immer politisch und verband ihre Worldclash-Klänge mit aufrüttelnden Slogans. Ihr Vater Arul Pragasam legte der britisch-tamilischen Künstlerin den politische Aktionismus, der bei ihr durch Kunst und Musik zum Ausdruck kommt, praktisch in die Wiege. Er ist Aktivist, ehemaliger Revolutionär und Mitglied der paramilitärischen Organisation "Liberation Tigers of Tamil Eelam". Ihr Vater gab ihrem ersten Album auch den Namen "Arular". Auch bei ihrem zweiten Album "Kala", welches nach ihrer Mutter benannt ist, zeigt die Musikerin die Nähe zu ihrer Familie. Um die Serie zu komplettieren, wählte M.I.A:  für den Titel ihres aktuellen Albums  „/\/\ /\ Y /\“ ihren eigenen Spitznamen. Sie bleibt sich also treu – und auch den Themen, denn das Politische wird auch auf dem neuen Werk wieder mit Hedonismus und Trivialem vernetzt: Alleine an der Schreibweise des Titels bestehend aus Slashs und Backslashs lässt sich erahnen, dass die zentralen Themen des Albums neue Medien und das Web 2.0 sind.
 
Gleich der erste Song "The Message" kritisiert stark die Allwissenheit des Internets – und die damit verbundenen Überwachungsmöglichkeiten der Konzerne und Regierungen. "Headbone connects to the headphones / headphones connect to the iPhone / iPhone connected to the internet / Connected to the Google / Connected to the Government". Bereitwillig stellen wir alle unsere privaten Daten der Welt über das Internet zur Verfügung. Der Song fängt mit dem klickenden Geräusch einer Computer-Tastatur an und wird durch den Sample eines Sirenen-Geräuschs unterstützt. Stilistisch erinnert der Song an das Hip-Hop Duo Dan le Sac vs. Scroobius Pip, ist treibend und leicht enervierend, was auch an der muskulösen Produktion liegt, die das Album dringlich prägt. So unbekümmert, fröhlich und weltmusikalisch wie zuletzt klingt „/\/\ /\ Y /\“ jedoch nicht; dieses Album ist ganz sicher auch musikalisch keine leichte Kost. Dem Prinzip der Bricolage folgend, reihen sich durchaus krude Samples auf kompletter Spiellänge aneinander und fordern die gesamte Aufmerksamkeit des Hörers ein, der sich auf die Vielschichtigkeit und den Ideenreichtum einlassen und dabei selbst an Grenzen gehen muss.
 
Musikalisch herausragend ist der Song "Steppin Up", der stark vom Dadaismus beeinflusst ist. Die Kunstrichtung des frühen 20. Jahrhunderts zeichnet sich durch seine Anti-Haltung und dem allumfassende Zweifel an der Gesellschaft aus. Der Dadaismus sticht vor allem durch Lautmalerei und die vom Zufall gesteuerte Laut-Kunst heraus. Nichts ist geplant und alles entsteht zufällig und spontan. "Stepping Up" greift vorwiegen auf lautmalerische Elemente zurück: "Steppin' up in the club / All tooled up like a thug / rub-a-dub-dub rub-a-rub-a-dub-dub". Verbunden mit scharfen, rückwärts gespulten Texturen und dumpfen Beats ergibt das eine Rave-Mischung, die alles will und kann. Ähnlich dadaistisch ist auch der Song "Meds and Feds". Während "Steppin Up" dem Hörer noch etwas kopflastig begegnet, wirkt "Meds and Feds" körperlich: Treibende Beats und fette Gitarren lassen einfach los und revoltieren in einem großen Stroboskop-Gewitter gegen alle vorgeschriebenen Regeln.
 
Fast zahm kommt die aktuelle Single-Auskopplung "XXX0" daher. Im knappen Dreiminüter zeigt M.I.A. ihre poppige Seite. Der Song hat High Rotation-Radioqualitäten und kann es musikalisch und ohrwurmtechnisch locker mit Rihanna und Co. aufnehmen. Der große Unterschied: Hinter der poppigen Melodie verbirgt sich ein für M.I.A. typischer, gesellschaftskritischer Text. M.I.A. prangert an: "You want me be somebody who I am really not". In der Machart fällt „XXXO“ jedoch aus dem Rahmen, die Single hebt sich nicht nur stilistisch ab, sondern ist auch einer der wenigen Songs auf  „/\/\ /\ Y /\“, der eine klassische Songstruktur mit Strophe und Refrain besitzt. Der Rest liebt das Chaos. Um eine Klammer um das Album zu ziehen und die verschiedenförmigen Songs zu einem großen Ganzen abzurunden, greift der letzte Song des Albums "Space" wieder das anfängliche Thema der ständigen Vernetzung auf. Sie stöpselt sich einfach mal aus, entzieht sich damit jeglicher Kommunikation und macht gerade damit das Dilemma unserer Zeit deutlich: Ein Leben gänzlich ohne Medien ist undenkbar – und es gibt somit keine Chance, sich der Verwertung der eigenen Daten durch Dritte zu entziehen: "My lines are down, you can't call me". Was bleibt, ist die Flucht in die soziale Isolation.
 
Insgesamt besticht “/\/\ /\ Y /\“ durch seine grelle Farbigkeit und erinnert an ein Aktionskunst-Happening. Die Songs klingen nach Luftballons, die mit bunten Neonfarben und Samples gefüllt sind und wahllos durch einen Raum geworfen werden, wo sie unter Beschuss von allen Seiten geraten. Grime-Beats, Schredder-Elektro und Dancehall sorgen für die nötigen Dellen und blauen Flecken. In Addition der politischen Aussagen ergibt das einen Silberling der Kompromisslosigkeit. (Caterina Reinker, Radio Q)
 
VÖ: 09.07.2010
 
Links:  Künstlerin | Label

 

Anspieltipps

  • MO: XXX0, Track 3
  • DI: Steppin Up, Track 2
  • MI: It Takes a Muscle, Track 7
  • DO: Space, Track 12
  • FR: Born Free, Track 9

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