Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 15/2010

Albumcover: MGMT - Congratulations

MGMT
Congratulations

“It's definitely going to shock people”, was für eine Prognose. Fans und Kritiker haben den Atem angehalten als die New Yorker die ersten Details zu ihrem neuen Werk verkündeten. Während die eine Hälfte immer noch mit heruntergelassenen Mundwinkeln vor dem Plattenspieler steht, feiert der Rest der Welt bereits das zweite Album von MGMT, denn ihr Statement sollte sich nicht als großmäuliges Getue herausstellen. „Congratulations“ stößt mit Vorliebe alle vor den Kopf, die ein weiteres Werk voller Single-Hits erwarten.

Nachdem man 2008 noch zu einem exklusiven Kreis von Bands gehörte, die vom Rolling Stone-Magazin als „Artist to Watch 2008“ betitelt oder zum „Sound of 2008 Top 10 Poll“ der BBC gezählt wurden, ist es 2009 um MGMT mit Ausnahme einiger spannender Kollaborationen (u.a. „Pursuit of Happiness“ mit Kid Cudi) wieder ruhiger geworden. Die Wogen haben sich geglättet, allerdings nur für kurze Zeit, denn das nächste musikalische Wellenset walzt unaufhaltbar Richtung Platten-Küste. Erwartet haben wir wohl alle einen ähnlich überdreht klingenden Nachfolger zu „Oracular Spectacular“ und bekommen haben wir ein Album das durch experimentellen Charakter und sperrige Songarrangements besticht, nicht aber durch aus dem Albumkontext herauslösbare Einzelsongs. Entsprechend werden all diejenigen mit hängenden Köpfen das neue Album hören, die nur „Time to Pretend“, „Kids“ und „Electric Feel“ als Single-Bomben feierten. All dass hat aber nur den Weg geebnet für die wahren MGMT. Bewusst habe man sich für einen musikalischen Kurswechsel entschieden, denn man wollte mit diesem Werk ausdrücken wer man wirklich ist. Wurde auf dem Debütalbum noch in karikaturähnlichem Format das exzessive Leben von Rock- und Popstars mit einem Augenzwinkern portraitiert, ist man inzwischen selbst zu einer solchen Figur herangewachsen – „Oracular Spectacular“ verkaufte sich millionenfach. Kein Wunder, traf man auch den Nerv der Zeit, der nach einer abgedrehen und innovativen Mischung aus Elektrorock, Psychedelik und Synthiesound dürstete. „Congratulations“ klingt nun subtiler, zurückgenommener und bei allem freundlichen Pop auch schwerer, souliger und vom Vibe Malibus beinflusst, wo das Album aufgenommen wurde. Für Frontmann VanWyngarden ist das Surfen erst seit diesen Tagen zu einer Passion geworden. Inzwischen hat dieser Lifestyle aber auch Einzug in Musik und Lyrics gefunden. Die Surfrock und Psychedelic-Elemente die im Opener „It´s Working“ und „Brian Eno“ zu finden sind, reihen sich nahtlos an den georgelten 70iger Ventures-Soundteppich von „Song for Dan Treacy“. Überhaupt sind die nostalgischen Popjahrzehnte ein wichtiger Anhaltspunkt, um dieses Album greifen zu können. Der Klang Pink Floyds ist ebenso auszumachen wie der Einfluss von Spaceman 3, dessen Frontmann als Produzent dieses Album zu einem zeitlosen Werk schleift. Fröhlichen Melodien stehen aber auch melancholische gegenüber: „Someones´s Missing“, „I Found a Whistle“ oder auch das 12-minütige „Siberian Breaks”.

Spannend ist aber vor allem das zickzackförmige Songwriting. Der Zuhörer wird zwar meist sanft und im Falle von „Someone´s Missing“ mit zärtlichen Sitar-Klängen in den Song hineingeleitet, dort dann aber nicht lange unbelästigt gelassen. Konfrontiert mit sphärischen, sich schnell abwechselnden Sound und Stilrichtungen von Indie bis Punk, erfordert es etwas intensivere Hörarbeit, um den Songs folgen zu können. Sonst könnten mehrfache Richtungswechsel (wie auch beim Gratistrack „Flash Delirium“, der abgedreht am Ende gar nicht mehr weiß, wer er ist und wo er gestartet ist), verzerrte, chorähnliche Gesänge und röhrender Snythiesound auch ein wenig überfordernd wirken.

Die große Stärke von „Congratulations“ ist aber trotz aller Zerrissenheit die Kohärenz als Album. Die Single „Flash Delirium“ ist aus diesem Kontext gerissen noch am ehesten ein für sich selbst und separat stehender Popsong, der nicht unbedingt repräsentativ für das Album ist: Zwar wäre es vielleicht für die erhöhte Tanzbarkeit schön, ein paar weitere Songexzesse wie diesen auf dem Album gehabt zu haben, aber das hätte direkt einen gänzlich anderen Drive des Werkes bedeutet. Melodien findet man jedoch auch so zuhauf, auch wenn MGMT den Hörern bisweilen ein wenig auf der Nase herum tanzen und gerne auch mal einen Song direkt nach dem ersten Refrain abbrechen und ganz woanders weitermachen. Entsprechend ist „Congratulations“ ein würdiger und spielfreudiger Nachfolger, der unbequem die an ihn gestellten Erwartungshaltungen torpediert. Aber das zeichnet auch eine wichtige Band aus – und auch das Label Sony tut sich hier einen Gefallen: Es geht um Nachhaltigkeit. Und wer dies begriffen hat, findet auf diesem Werk auch genug Beweise. Man muss nur etwas tiefer graben. Fernab vom Elektropop-Mainstream und selbstauferlegter Konventionen reiten Ben Goldwasser und Andrew VanWyngarden, stilvoll verkleidet mit Stirnband, hier auf ihrer eigenen neonfarbenen Welle und genießen das Leben in all seinen glamourösen Facetten. Abstand nehmen sollte man zudem von der Theorie, dass „Congratulations“ dabei reifer und erwachsener klingt. Wie reif kann man sein, wenn man gerade erst entdeckt hat, dass man Rockstar ist? Dafür ist später doch wirklich noch genug Zeit. (Ben Grosse-Siestrup, CampusFM)

VÖ 09. April 2010

Band: www.whoismgmt.com | Label: www.columbiarecords.com

Anspieltipps

  • # 4 , Flash Delirium
  • # 7, Brian Eno
  • # 1, It´s Working
  • # 9 , Congratulations
  • # 3 , Someone´s Missing

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