Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 35/2007

Albumcover

Menomena
Friend And Foe

Wenn man in Portland, Oregon lebt , muss man wohl zwangsläufig auf krude Ideen kommen. Ob nun Chuck Palahniuk, Kult-Autor verstörender Romane wie „Fight Club“, Simpsons- und Futurama-Erfinder Matt Groening oder auch "Rowdy" Roddy Piper, Profi-Wrestler und nach eigenen Angaben der Grund dafür, dass Hulk Hogan seine Haare verloren hat - sie alle wohnen bzw. wohnten in dem Ort, der in den Staaten gemeinhin auch als Baumstumpfstadt bekannt ist. Und auch Portlands Musiklandschaft bringt so manchen - im positiven Sinne - abgefahrenen Act auf die Bühne. Der neuste Exportschlager dürften die drei Jungs von Menomena sein. Aufsehen erregte die Band mit ihrem zweiten Album „Under An Hour“, das eigens für ein experimentelles Tanztheater (!) geschrieben wurde und mit drei instrumentalen Stücken daher kam. Der Name der Scheibe war übrigens Programm: Die Spielzeit von einer Stunde wurde nur knapp unterschritten. Mit ihrer neuen Platte „Friend and Foe“ lösten Menomena nun einen regelrechten Hype jenseits des Atlantiks aus, werden als die legitimen Nachfolger von Arcade Fire gefeiert. Selbst die sonst so kritischen Rezensenten von Pitchfork Media ließen sich zur einer 8.5-Traumwertung hinreißen.

Aber kein Wunder, dass Menomena so manch elitäre Plattform begeistern – die drei Jungs sind buchstäbliche Musiknerds. Schon das Plattencover von „Friend and Foe“ dürfte nicht wenige Betrachter ratlos aus der Wäsche schauen lassen. Schließlich tummelt sich hier eine fiese Menagerie bizarrer Kreaturen: Kühe vertilgende Fische, nackte Frauen mit Vogelföten im Mutterleib und Monster im Liliputanerformat, die Monster in Monsterformat aufschnibbeln – nur soviel als ein kleiner, erster Eindruck. Vielmehr von dem, was es auf dem Cover zu bestaunen gibt, ließe sich aber auch nicht in vernünftige Worte fassen. Umso erstaunlicher ist, dass „Muscle’n Flo“, der Opener der Platte, unerwartet angenehm beginnt. Eine unverbrauchte, aber doch vertraut klingende Männerstimme empfängt uns, ein simpler Basslauf hier, dort ein dezenter Einsatz der Drums. In minimalistischer Harmonie vergeht die erste Minute, dann ist es aber auch schon passiert: Auf leisen Sohlen haben sich weitere Elemente eingeschlichen. Hier ein Piano, da ein Synthesizer. Und Plötzlich hängen schwere, akustische Nebelschwaden in der Luft, in diesem Gemisch die Übersicht zu behalten ist fast unmöglich. Aber: Das Ganze funktioniert. Man weiß nicht, wie sie zu Stande kommen, aber tatsächlich weisen uns romantische und verspielte Melodien den (Aus-)Weg. Selbst die vertrackte Vorabsingle „Wet & Rusting“, mit all ihren mysteriösen Song-Fragmenten, die gern Opulentes versprechen, es sich dann aber anders überlegen und uns in eine vollkommen andere Richtung schicken, erweist sich als Ohrwurm. Als ein äußerst unkonventioneller Ohrwurm, versteht sich.

Experimentiert wird mit allem, was das heimische Studio so hergibt. Menomena-Kopf Brent Knopf ist nicht nur Musiknerd, sondern auch passionierter Computerfreak. Die Band benutzte während der Aufnahmen ein Computerprogramm namens Digital Looping Recorder, kurz Deeler. Wie das funktioniert, weiß wohl nur Knopf selbst. Man sich aber sicher sein, dass die Software im Song „Weird“ seinen Höhepunkt findet. Der Track macht seinem Namen alle Ehre, ungeahnte Töne machen die Runde. Könnte aber auch ein als Geige missbrauchtes Banjo sein – zuzutrauen wäre es den Jungs definitiv. Im Endeffekt ist es jedoch völlig müßig, sich über Einzelheiten das Hirn zu zermartern. Die Details überlassen wir lieber den Herren von Menomena. Wir erfreuen uns lieber an „My My“, dem heimlichen Hit der Platte und eine melancholisch-schöne Hymne mit hieb- und stichfester atmosphärischer Dichte, die mit einer Spieldauer von dreieinhalb Minuten leider etwas zu kurz geraten ist. Macht aber nichts, um die ganze Bandbreite von „Friend and Foe“ zu erschließen, braucht es eh’ ein paar Durchgänge. Und selbst dann dürfte man immer noch etwas Neues entdecken. Kein Wunder, dass elitäre Kritiker ihren Gefallen an der Scheibe gefunden haben. Und das Beste: Auch die normalsterblichen Hörer werden auf ihre Kosten kommen. (Patrick Torma, Radio DuE)

VÖ 07.09.2007

Künstler: http://www.menomena.com | Label: http://www.cityslang.com

Anspieltipps

  • Wet & Rusting, Nr. 3
  • My My, Nr. 8
  • Weird, Nr.5
  • Muscle´n Flo, Nr. 1
  • Pelican, Nr. 2

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