Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 43/2008

Albumcover

The Matthew Herbert Big Band
There's Me And There's You

Wir versuchen also zu unterscheiden zwischen Vielseitigkeit und Schizophrenie. Wo fängt das eine an, wo ist der Punkt, an dem es auf das andere trifft? Wo hört dieses wieder auf? Wo und wieviel überschneiden sich hier Talent und Wahnsinn? Die psychologische Tiefenanalyse ist anderen vorbehalten. Matthew Herbert wird uns nicht ohne Weiteres verraten, was nun in seinem Kopf klickte, in genau dem Moment, als er sich entschloss, sein zweites Swing-Album zu schreiben und zu produzieren. Aber er lässt uns teilhaben, an diesem Klicken, dem lauter werdenden Klicken und den dumpfen Naturbässen.

Nein, es ist in keinem Fall ein Fall von schlichter Genialität und Vielseitigkeit. Selbstverständlich darf Matthew Herbert auch diese Attribute in seinem Lebenslauf präsentieren. Zu wichtig seine Verdienste für die elektronische Musik in Großbritannien, zu bedeutsam seine Kollaborationen mit unzähligen Größen des Pop, und ja, zu vielseitig sein Klang bei allen seiner Werke. Zu vielseitig, um ihn nicht dementsprechend zu betiteln. Und das Album, "There´s me and there´s you"? Zu absonderlich um in schlichter Vielseitigkeit begründet zu sein. Nein, es ist kein Fall von Talent. Das ist bloß die Grundlage, freilich eine wirklich ausgezeichnete.

Zum zweiten mal also hat Matthew Herbert seine Big Band ins Studio geladen, ihnen Noten zu spielen gegeben, die höchstwahrscheinlich erst für Skepsis, später für Begeisterung gesorgt haben dürften. Wir wissen ja nicht, inwiefern Herberts Big Band nun sein Alter Ego mitträgt, aber eins steht fest: es passt. Mit "The Story" führt der Weg ins Album über Knistern und Knacken, vorbei an Trompeten, Störgeräuschen, Piepen und Welleninterferenz, bis hin zum dumpfen Beat, der allen Nebel vertreibt. Nun wird es ein Song. Rhythmisch geben sich Bläser zwischen Bedrohung und Coolness das Startsignal, bevor Eskas Mtungwazi und ihre überragend voluminöse Stimme dem Ganzen den letzten Schliff geben, ohne den Song auf Hochglanz zu polieren. Es werden die großen Revuebühnen reminisziert und ein nostalgisches Echo aus der Vergangenheit heraufbeschworen.

Es passiert viel auf diesem Album, bei dem man sich genötigt fühlt, es ein Swingalbum zu nennen, dann aber doch immer den heißen Atem des Verrückten im Nacken, den Revolver im Rücken spürt, der einem klar macht, dass das zu kurz gedacht wäre. "Yessness" zum Beispiel wirkt auf den ersten Blick wie eine typische Single für ein derart komplexes Album, ist auf den zweiten Blick aber vielmehr eine Parodie dessen und zeugt von einem merkwürdigen Humor: "Tell me ´yes´, I wanna hear ´yes´, don´t wanna hear ´no´, I don´t think so, I wanna hear ´yes´". In den Momenten wo die Big Band für kurze Zeit alleine gelassen wird, ist es meist nur ein Luftholen für die nächste unheimlich verzerrte Trompete, das nächste Rascheln aus der hintersten Ecke. Auch wenn die Elektronik-Sprengsel sich vor allem in der ersten Hälfte des Albums noch eindeutig im Hintergrund bewegen, sie sind immer dort, wo sonst Leere entstünde. In der zweiten Hälfte mischen sie sich dann zusehends mehr mit den Songs, die durch clevere Samples getragen werden, ohne, dass man es merkt. Mal schmiegen sie sich an ihn, mal werden sie ihm von Herbert grinsend ins Getriebe geworfen. Bestes Beispiel dafür ist das wunderbare, mit einem fast durchgängigen Störgeräusch verschmutzte "One Life", das dann zum rechten Zeitpunkt doch noch den Freiraum zur Entfaltung seiner ganzen Schönheit bekommt.

Ambitioniert hängt auch der thematische Rahmen, dessen ebenso polemischer wie auch politischer Ausdruck sich mit Macht und ihrem Missbrauch beschäftigt. Bezeichnend für ein Album, bei dem scheinbar viel gegeneinander gearbeitet wird, bei dem aber genau durch diese Reibung nicht nur Energie entsteht, sondern auch der ein oder andere Funke überspringt."There´s Me And There´s You" ist ein verwirrendes Album, das gerade aus diesem Umstand eine ungemeine Stärke und Langlebigkeit entwickelt. (Sven Riehle, eldoradio*)

VÖ: 10.10.2008

Band: http://www.matthewherbert.com | Label: http://www.k7.com

Anspieltipps

  • Pontificate, #02
  • Rich Man’s Prayer, #07
  • Yesness, #04
  • The Story, #01
  • Battery, #05

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