Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 34/2012

Albumcover

Matthew Dear
Beams

Kann es am Produktionsstandort Brooklyn liegen, dass Matthew Dears drittes Album in gewisser Hinsicht undefinierbar ist? Animal Collective, TV On The Radio und ganz aktuell Yeasayer sorgen mit ihrem komplexem Soundgeflecht für Überraschungen sowie Schwierigkeiten bei der Genrezuschreibung. Einflüsse werden offen und ehrlich eingestanden, die Grenzen dabei feierlich verwischt. Auch "Beams" wurde in einem Studio in Brooklyn aufgenommen und ist die bisher komplexeste, abwechslungsreichste und persönlichste Produktion des Minimal-Techno DJs und Produzenten. Es versammelt elf dichte Avantgarde-Elektro Stücke, deren Beat per Minute mal bei seichten 80 liegt, mal bei pulsierenden 155. Kontrastreich und alles andere als minimalistisch monoton.

Die erste Singleauskopplung "Her Fantasy" eröffnet das Album und baut sich langsam aber sicher auf. Zwei Samples leiten den Beat ein und sorgen für einen cleveren, berauschenden Spannungsaufbau: "Coffee evoke my brain." Dann erscheint die markante und bedeutende, anfangs leicht verstörende, auf Dauer hypnotisch wirkende Bassstimme von Dear, die klingt, als hätte man den Sänger von TV On The Radio ein weniger runtergepitcht und noch tiefer singen lassen. Die anfängliche chillige Ambientatmosphäre des Songs ist nicht verschwunden, aber man lauscht ihr mit einer neugierigen Skepsis, wenn der Beat aussetzt, um die Vocals in den Vordergrund zu rücken: "Am I one heartbeat away from receiving a damaging shock to my life?" Eine düstere Stimmung durchzieht das gesamte Album, die den Hörer einnimmt aber das Album nicht voraussagbar macht und auch poppigen Nummern Raum zugesteht.

"Beams" setzt nämlich auf eine sehr eigene Verflechtung von digitalen und analogen Elementen, die Bassarrangements auf "Earthforms" könnte auch ein perfektes Bett für Ian Curtis' Stimme sein, auf "In & Out" geht es dann wieder ungemein funky und groovig zu, Beatbox und Handclaps treffen in "Get The Ryhme Right" auf dezente Bassmelodie, Effektspielerei und Synthieparts. Die Grenze zwischen künstlicher hergestellter Melodik und natürlicher Instrumentierung ist dabei mitunter schwer zu fassen. Man merkt den elektronischen Klangmustern an, dass Dear ein versierter Minimaltechnoproduzent ist, dennoch wirkt "Beams" an vielen Stellen unbearbeitet rein.

Eventuell liegt der Facettenreichtum des Albums aber nicht nur an der Diversität der Brooklyn-Szene, sondern daran, dass Dear anlässlich des 50. Todestages von Hermann Hesse zur Lektüre des Steppenwolfes gegriffen hat, in dem der Protagonist Harry Haller zur Erkenntnis gelangt, dass jeder Mensch eine endlose und unumgängliche Vielfalt von Persönlichkeiten in sich birgt, auf die man sich einzulassen hat. Ein Phänomen, das Dear vor allem auf künstlerischer Ebene begegnet, denn Dear ist unter den Pseudonymen Audion, False und Jabberja aktiv, bei denen er musikalisch jeweils einen ganz anderen Schwerpunkt setzt. Nach dem Zugeständnis "It's alright to be someone else sometimes" in "Earthforms" folgt prompt die existentialistisch abgeschieden anmutende Stelle "All that I know tomorrow is what I learned today." Die Identität im Vakuum, konsequent düster vorgetragen und somit leicht bedrohlich. Heller, versöhnlicher und heiterer klingt die Selbstauflösung dann im wavig verschachtelten Midtempostück "Temptation", das auch das Schlusslicht des Albums ist: "I saw everything for the frst time. (...) I knew everything for the first time. All my insides fall to pieces." Diese Passage wird dann repetitiv von Dear vorgetragen und macht den Song zu einem der einnehmendsten Stücke des Albums.

Ganz passend zu diesem Ansatz erläutert Dear in einem Interview selbst: "I'm about 4 to 5 different people at any given time. By allowing all of those different personalities to exist… the most pure and direct self can come through in the music." Selbstauflösung als Selbstkonzept. Verlust ist Gewinn. Dear gesteht, dass die Songs zwar kryptisch sind, die Linien jedoch zu einem Zentrum führen. Demnach könnte "Beams" das Album sein, auf dem es Dear sich gestattet, mehreren musikalischen Präferenzen freien Lauf zu geben. Resultat ist ein elektronisches Avantgardealbum, das den Hörer einnimmt und fordert. "Beams" klingt teilweise wie aus einem Guss, doch es ist vielschichtig sowie clever verwoben und schafft es aufzuzeigen, dass hoher Anspruch, Songkomplexität und Zugänglichkeit nicht miteinander kollidieren müssen. (Philipp Kressmann, CT das radio) 

Anspieltipps

Headcage, #3
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Earthforms, #2
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Get The Rhyme Right, #7
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Her Fantasy, #1
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Temptation, #11
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