Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 25/2011

Albumcover

Matana Roberts
Coin Coin Chapter One: Gens De Couleur Libres

Musik ist immer da. In der gebügelten Variante mit ordentlich Weichmachern versetzt rinnt sie tagtäglich aus dem Formatradio, einlullender tröpfelt sie nur noch aus Lautsprechern großer Einkaufszentren. Es scheint, als könne eine große Gruppe der Konsumenten ihre Bedürfnisse nach Musik schon mit ästhetisch minderwertigen Produkten befriedigen. Die notdürftig hedonistisch aufgemotzte Variante des Pops findet man in der Disko: Wahlweise mit penetranter Gefühlsaffektion auf Schlagerfesten oder mit Beats und hohem Partyfaktor dort, wo Leichtgängigkeit und Eingängigkeit gefragt sind.

Langsam, aber sicher scheint aus dem generellen Kulturgedächtnis zu entfliehen, dass Musik auch durchaus unbequem sein kann. Krachend in Form von Lärm, experimentell wie digitales Störfeuer oder mit politischem Unterbau. Natürlich ist diese Form des Musikmachens nicht dezidiert alltagstauglich und soll es auch gar nicht sein: Die Befreiung von Konventionen ist immer mit einem Akt des ganz bewussten Wahrnehmens verbunden, der sich vom Nebenbeihören abkoppelt. Künstler und Hörer müssen hier beide arbeiten: der Erste tut es, indem er sich seinen eigenen Freiraum erspielt. Der Zweite liefert seinen Beitrag etwas weniger aktiv ab - beim Praktizieren von Aufgeschlossenheit und durch Bereitschaft, sich neugierig Ungewöhnlichem hinzugeben, sich bisweilen überfordern zu lassen.

„Coin Coin: Chapter One“ wäre dafür ein guter Anfang. Denn was die Altsaxophonistin Matana Roberts mit dreizehn weiteren Musikern darauf zelebriert, mag selbst für geneigte Jazzfans in seinem grenzgängerischem Gestus zwischen Free Jazz, Big Band-Klang, Blues, Avantgarde und Spoken-Word-Performance eine Herausforderung darstellen. Der musikalische Anspruch fundiert dabei auf einer genalogisch angelegten Arbeit: Die eigene Familiengeschichte der farbigen Protagonistin wird ins 19. Jahrhundert zurückverfolgt und exemplarisch mit dem Leben von Marie Thérèze Coincoin verschränkt, die sich als geschickte Geschäftsfrau vom Sklavendasein emanzipieren konnte und dessen ikonenhafter Status inzwischen gut 150 Jahre innerhalb der Unterdrückungsgeschichte der amerikanischen Südstaaten überdauert.

Die musikalische Aufarbeitung ist dabei nur ein Teil eines umfassenden Projektes, die vorliegende, vor kleinem Publikum live eingespielte Platte nur eine Facette einer großen Performance, die Historisches, Exemplarisches, Jazz-Geschichtliches und Theatrales verbindet. Letztlich sind diese Erinnerungen und Identitätsen nur in Fetzenform für den Hörer zu erschließen. Man tut dieser Platte nicht Unrecht, wenn man sie als musikalische Collage bezeichnet – und „Pov Piti“ schon fast zu Beginn als einen der furiosen Höhepunkte dieser. In einem großen, befreiendem Geheul trifft hier Avantgarde auf Noise. Allein, wie der kreischende Gesang mit dem schnatternden Saxophon verschmilzt und sich zu einem kathartischen Akt steigert, um später in ruhigem Fluss scheinbar unbeteiligt und gelassen die geschichtlichen Rahmenpunkte abzuarbeiten, ist einer der unfassbarsten Momente dieses Musikjahres. Fast kokett mutet es an, wenn Roberts Todesfälle nach Gelbfieberinfektionen benennt und dabei stimmlich derart distanziert bleibt, dass ihr Jazzorchester besonders tosend aufspielen muss, um diese unheilvolle Spannung erneut aufzubrechen.

In diesen fast wahnhaften Momenten duellieren sich die Instrumente schräg und dissonant. Nicht unähnlich der Arbeiten von Colin Stetson, dessen Drang zum Grenzüberschreitenden sie teilt, arbeitete Matana Roberts unter anderem bereits mit Godspeed You! Black Emperor und anderen Indiebands zusammen.  Diese Art von Radikalität wird immer wieder aufgegriffen, oftmals stehen ihr aber leichtfüßige, fast schüchterne Passagen gegenüber: Etwa in „Lulla/bye“, das in eine melancholische, fast schon meditative Ruhe hüllt, oder das beschwingte, stille, doch umso intensivere „How Much Would You Cost?“. Aber auch dort ist eine Robustheit präsent, die das Album wie ein roter Faden durchzieht. Er besteht aus Wut und Angst. Dennoch ertönt an mancher Stelle des Albums auch diese immerwährende Hoffnung auf eine bessere Zukunft und der trotzige Stolz auf eine kulturelle Gemeinschaft, die letztlich sogar die Grundlage moderner Popmusik stellt, tritt zum Vorschein.

Matana Roberts geht es mit ihrem Ansatz nicht in erster Linie um eine Erforschung von musikalischen Konzepten und das Aufbrechen von Konventionen im Sinne einer Ideologiekritik, sondern dem Hörer möglichst mehrschichtige Assoziations- und (musik-)geschichtliche Anknüpfungspunkte zu bieten: Arbeitermusik und New-Orleans-Bigbandsound flackern immer wieder auf, werden aber nicht ausformuliert. Oftmals verharren die Anleihen seltsam verstörend aufgebrochen oder auf links gedreht wie bei „Kersaia“. Max Roachs 1960er Standardwerk "We Insist!“, ein Protestalbum gegen die Rassendiskriminierung, wird immer wieder aufgegriffen. So ist „Liberation for Mr. Brown“ auch im Sinne des „We Insist!“-Texters Oscar Browns zu denken. Die politische Ebene wird lyrisch immer mitverhandelt.

Letztlich überwiegen die instrumentalen Passagen in ihrem steten Auf und Ab, das sich als schleppende, mühevolle Überwindung des historisch gezeichneten Leides der Schwarzen deuten ließe; ob Roberts hiermit die „Repolitisierung der schwarzen Musik“ heraufbeschwören möchte, wie andernorts zu lesen ist, scheint etwas weitgreifend. Außer Frage steht allerdings, dass Matana Roberts auf „Coin Coin“ all die Güte von Albert Ayler und das zutiefst Gebrochene von Sun Ra auf einem höchst persönlichen Werk vereint, das kraftvoll zur Auseinandersetzung auffordert. „Coin Coin Chapter One: Gens de Couleur Libres“ ist die Beschäftigung mit der Identität eines kollektiven Traumas und einem nur brüchig restaurierten Selbstverständnis der Farbigen im Amerika der heutigen Zeit. (Markus Wiludda, eldoradio*)

Links: Label + Albumstream | Künstlerin

 

Anspieltipps

Pov Piti, #2
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Kersaia, #4
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Libation For Mr. Brown: Bid Em In..., #5
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Lulla/Bye, #6
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How Much Would You Cost?, #8
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