Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 46/2005

Albumcover

Martha Wainwright
Martha Wainwright

Sie scheint noch einige Rechnungen offen zu haben, noch einiges aussprechen zu müssen. Und so kann man Martha Wainwrights Debütalbum durchaus als eine Abrechnung verstehen, doch wird nicht ganz klar mit wem: mit dem Vater, der nie für sie da war, mit der Familie, die immer musikalische Begabung erwartet und vorausgesetzt hat, oder mit sich selbst, weil sie sich all diesen Anforderungen unterworfen hat und sich jetzt frei kämpfen muss.

Martha Wainwrights Album ist all dies und jeder Song zeigt eine andere Facette der 29-Jährigen. Mal sanft und schüchtern, mal anprangernd und impulsiv, verleiht sie dem Ausdruck, was schon lange in ihr zu gären scheint. Auch wenn ein Song fröhlich und selbstbewusst daherkommt wie „When The Day Is Short“ und Martha Wainwright behauptet „I Will Be Alright“, so bleibt doch der fahle Nachgeschmack von Melancholie und dem Wunsch nach Geborgenheit. Sehnsucht liegt in der Stimme, die zuweilen gehaucht, dann immer präsenter werdend, sich an den Punkt heranpirscht, an dem sie doch nicht ausspricht, was sie bedrückt. Glaubt sie wirklich an das, was sie in “This Life” zu glauben vorgibt: „This Life Is Boring, It’s Still Worth Living (...) When It Is Not, I Got The Gun For My Head”? Nein, und für den letzten Schritt fehlt ihr der Mut. Der Mut wirklich zu rebellieren und wirklich abzurechnen. Ihre Stücke verbleiben in dem pubertären Auflehnen eines Teenagers, der – sei es aus Angst, nicht ganz allein zurecht zu kommen, sei es aus Liebe zu den Eltern – nicht wirklich mit allem bricht und die Wut dann doch zum vermeidlich eigenen Wohl nur zum Teil aus sich herausschreit. Genauso stimmlich zurückhaltend und zögernd fällt die Abrechnung mit dem Vater in „Bloody Mother F***ing A**hole“ aus. Loudon Wainwright III, selbst ein bekannter Singer-Songwriter, verließ die Mutter und kommunizierte mit der Familie durch seine Lieder. In einem seiner Songs stellt er Martha als „Clone of Every Woman I’ve Known“ bloß. „Bloody Mother F***ing A**hole“ ist die Revanche. Die Revanche des verletzten Kindes, denn Marthas Stimme zittert, bricht sich, ist trotzig und schreit dennoch nicht über die Ungerechtigkeit und fehlende Zuwendung, sondern schickt das Angebot der Versöhnung aus. An einen Vater, zu dem sie heute keinen Kontakt mehr hat. Trotz soviel Selbstbeherrschung wurde der Song in den konservativen USA mit dem "Parental Advisory"-Sticker gekennzeichnet. Ein bisschen stolz ist Martha bestimmt darauf, eben wie Teenager, die sich freuen, wenn sich Eltern über die zerrissenen Jeans aufregen.

Der andere Teil der Familie, ihre Mutter die Folksängerin Kate McGarrigle und ihr Bruder Rufus Wainwright (aktuelles Album „Want Two“ bei Universal), haben an dem Marthas erstem Album mitgearbeitet. Die Ballade „Bring Back My Heart“, die Martha im Duett mit ihrem Bruder singt, ist jedoch nicht der erwartete Höhepunkt der Platte. Wohl aber der Song „Factory“, den ihre Mutter auf dem Banjo begleitet. Begleitet ist absolut treffend, denn Martha Wainwrights Debütalbum lebt von ihrer Stimme und nur selten von der Gitarre, dem Klavier oder jedweder anderer Ummalung. Dieser Purismus, der in seiner reinsten Form in „Baby“ hervortritt, erinnert ein wenig an Janis Joplin: Die Gitarre schrabbelt und die Stimme ist zuweilen so herauspresst, dass der Ton nicht sauber ist, sondern gewollt quietscht und krächzt.

So ist Martha Wainwright immer dann am überzeugendsten, wenn sie sich genau auf dieses Talent konzentriert – die Aussagekraft ihrer Stimme in Verbindung mit eingängiger Melodieführung. Ein Debütalbum mit zehn oder zwölf Songs – ohne die beliebig wirkenden, seicht dahinplätschernden Songs wie „The Maker“ oder „Who Was I Kidding?“ – hätte ihr Können und ihre Eigenheit zur Essenz verdichtet. Dennoch: Es ist die Varianz der Stimme, die aber auch 16 Titel (13 Albumtitel plus drei Bonustracks) lang hinhören und den Wechsel von folkig angehauchtem Pop bis zu sakral-klassischen Balladen mit Pianobegleitung in sich aufsaugen lässt, ohne dabei selbst in der Melancholie einer Martha Wainwright zu verfallen. (Sabine Rossi, eldoradio*)

Künstlerin: www.marthawainwright.com | Label: www.v2music.de

Anspieltipps

  • Factory, # 3
  • Baby, # 15
  • Bloody Mother F***ing A**hole, # 9
  • Far Away, # 1
  • This Life, # 7

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