Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 05/2008

Albumcover

The Mars Volta
Bedlam In Goliath

Ein bisschen mutet es an wie kleine Anekdoten aus 1001 Nacht. Diesmal geht es um einen sprechenden Hexenteppich mit dem Namen "Soothsayer", den Omar in Jerusalem erstanden hat und fortan die Inspiration für "The Bedlam in Goliath" gewesen sein soll. Dies ist natürlich alles großer Unfug und wäre fast zu vernachlässigen, wenn man nicht wüsste, dass The Mars Volta aus genau solchen ersponnenen Geschichten die Kraft schöpfen, einen musikalisch und inhaltlich (die Handlung eines jeden Songs besteht aus der Beziehung zwischen einer Frau, deren Tochter und ihrem Mann) unglaublich dichten Rahmen zu schaffen.

The Mars Volta waren schon immer meisterhafte Geschichtenerzähler, seit jeher umweht sie wie keine andere Band der jüngeren Vergangenheit der Hauch des Mysteriösen. Nett verpackte Geschichten säumen die Monate rund um die Veröffentlichung eines jeden Studioalbums und die Beschreibung und Interpretation der Cover könnte Bücher füllen. Natürlich macht ihr mittlerweile viertes Werk (plus Livealbum, EPs und dem mittlerweile fast unüberschauberen Solo- Output des Omar Rodriguez) innerhalb von fünf Jahren da keine Ausnahme.

Im Vergleich zum letzten Album "Amputechture", das nicht wenige Fans enttäuschte, zwängt sich "The Bedlam In Goliath" auf den ersten Blick wieder in das recht enge Korsett aus Progressive- und Psychedelic-Rock, was bereits das Debütalbum "De-Loused In The Comatorium" auszeichnete. Es wimmelt auch in den Songs von gekonnten Improvisationen, doch diese arten nie in einen unendlichen Freestyle aus, sondern werden immer wieder eingefangen und in das Gesamtbild eingewoben. Bei genauerem Hinsehen gibt jeweils zwei Rahmenhandlungen, nämlich den Song als Einzelnes und das Album als Ganzes.

Das Album besteht trotz Songlängen von fünf Minuten und weit darüber hinaus fast ausnahmslos aus Hits, die sich mal mehr und mal weniger offensichtlich offenbaren. Der Opener "Aberinkula" spielt nach einem heftigen Einstieg, dessen Druckwellen die Altstadt von Jerusalem wie ein Kartenhaus zusammenfallen lassen könnten, geschickt mit Elementen aus der Musikwelt des Nahen Osten und führt nach fünfeinhalb Minuten, die hier nur wie ein Wimpernschlag erscheinen, in das apokalyptische "Metatron" über, das eine Art Homage an die Anfangszeit von The Mars Volta zu bilden scheint. Dass selbst The Mars Volta noch dazulernen können, zeigen die nächsten Stücke des Albums. "Ilyena" ist eine wilde Mischung aus David Bowie und Yes, "Soothsayer" eine wohlig zurückgelehnte Jazz-Session. Über allem thront aber "Goliath": „Never Heard A Man Speak Like This Man Before!“ Dieses Wahnsinnsstück dürfte ob seiner einpeitschenden und zugleich unheimlich brutalen Gestalt zu den besten Songs der Band überhaupt zählen.

Und dennoch wird jeder Songmoment durch den erhabenen Gesamteindruck des Album noch weit übertroffen. The Mars Volta haben es wiederum geschafft, ein Konzeptalbum vorzulegen, das in seiner Dichte, inneren Struktur und musikalischen Perfektion von kaum einer anderen noch existierenden Band momentan erreicht werden kann. Jeder Ton eines jeden Instrumentes sitzt, Konventionen werden hochexplosiv weggesprengt und im gleichen Moment exakt eingehalten. Allein Cedric Bixlers bis zum Anschlag hochgepitchte Stimme in "Agadez" (nebenbei: die größte Stadt im nördlichen Niger, also ein weiteres Puzzleteil in dieser Erzählung) gibt Rätsel auf, die aber schnell gelöst werden, indem die Stimme einfach wieder in das große Ganze der Gesamtstruktur eintaucht. Und das Wichtigste: "The Bedlam in Goliath" erreicht nicht nur den Kopf, sondern auch das Herz. Die Band lässt ist mit genauso viel Leidenschaft wie am ersten Tag dabei, es sind keine Abnutzungserscheinungen erkennbar. Und das ist bei so einem enormen Output an Alben und den damit verbunden Strapazen sicherlich nicht bei jeder Band die Regel. (Felix Lammert-Siepmann, eldoradio*)

VÖ 25.01.2008

Künstler: http://www.themarsvolta.com | Label: http://www.universal-music.de

LIVE: 08.03. Live Music Hall | Köln - präsentiert von den CampusRadios NRW

Anspieltipps

  • Wax Simulacra, Track 4
  • Goliath, Track 5
  • Ouroboros, Track 10
  • Aberinkula, Track 1
  • Metatron, Track 2

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