Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 17/2012

Albumcover

Lotus Plaza
Spooky Action At A Distance

Googelt man nach einem Bild von Lockett Pundt, grinst einem ein junger, schüchterner Mann entgegen, der auf manchen Bildern aussieht wie zwölf. In Wahrheit ist er jedoch Ende zwanzig und einer der kreativen Köpfe hinter einer der prägendsten Indie-Bands unserer Tage: Deerhunter. Mit „Spooky Action at a Distance“ veröffentlicht nun sein zweites Soloalbum, das eine Steigerung zum Debüt erfährt und ein beachtliches Werk geworden ist: Zugängig und verschlossen zugleich, neblig und sonnendurchflutet im selben Moment.

Der Titel „Spooky Action at a Distance“ bezieht sich auf Aussage Albert Einsteins zur Quantenmechanik und verweist gleichzeitig für heutige Zeiten ungewöhnlich konkret auf das, was uns auf diesem Album erwartet: Verhuschter Dreampop nämlich, unterlegt von meditativen, sich kaum verändernden Schlagzeug-Mustern und entrücktem, reverbgetränktem Gesang. Im Gegensatz zum typischen Deerhunter-Sound oder den Soloveröffentlichungen vom Bandkollegen Bradford scheint sich Pundt mit seiner zweiten Soloveröffentlichung quasi selbst reglementieren zu wollen: Nahezu alle Songs sind in klaren Strophe-Refrain-Schemata gebaut und entwickeln erst durch die ständigen Wiederholungen einen eigenartigen, traumhaften Sog – und das trotz durchgängig hohem Songtempo.

„Strangers“ zum Beispiel, der eigentliche erste Track des Albums (denn der Opener „Untitled“ besteht nur aus einem 1:25 langen Synthesizer-Prolog), beginnt mit verspielten, wundervoll übereinander geschichteten Gitarrenläufen und einem Schlagzeug, das den gesamten Song  hindurch den Beat nicht verändern wird. Lässig, beinahe beiläufig wechselt der Song zwischen Strophe und Refrain. Und immer wird das Ganze unterlegt von Pundts sphärischem Gesang, der an einigen Stellen an den Stil eines anderen vielbeachteten und nicht gänzlich unverwandten Soloprojekts  erinnert: Panda Bear nämlich, dessen Soloalbum „Person Pitch“ 2009 für das weite Feld des experimentellen Indie-Pops Maßstäbe setzte. Beide Alben, „Person Pitch“ und „Spooky Action At A Distance“ vollziehen im hohen Maße einen soundästhetischen Rückgriff  in die 60er Jahre, auch wenn beide diesen Rückgriff sehr unterschiedlich verarbeiten. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass Pundt kein „Sänger“ im eigentlich Sinn ist: Seine Stimme wirkt auf dem Album eigentlich vielmehr als ein weiteres Instrument, das, ähnlich wie die Gitarren, mit viel Hall belegt ist und dem gesamten Sound in seiner  unprätentiösen, fast schüchternen Art  eine gewisse Geisterhaftigkeit verleiht, die uns ja schon im Albumtitel angekündigt wird.

Pundt hat die Fähigkeit, Melodien zu erschaffen, die sich sofort im Kopf des Hörers festsetzen, obwohl sie im ersten Moment unkonventionell und beinahe schräg daherkommen: Im folkigen Stück „Dusty Rhodes“ etwa setzt nach genau einer Minute eine herrlich-abseitige Akkordfolge auf einer verzerrten E-Gitarre ein, die auch noch Tage nach dem ersten Hören im Kopf herumschwirren wird. Eingängigkeit definiert sich hier über einen hohen Eigenwert. Auch „White Galactic One“ ist so ein Kandidat: Nicht nur beim sperrigen Titel werden hier Erinnerungen an die Indie-Überväter von Pavement wach. Die Gitarrenhook mit ihren verzerrten Bendings würde sich sowohl auf nahezu jeder Veröffentlichung der genredefinierenden Band zuhause fühlen.

Mit diesem Album schafft Locket Pundt etwas sehr Beachtliches, nämlich den schwierigen Spagat zwischen hörerfreundlichen Stücken festsetzen, und einem künstlerischen Anspruch, der seinem unkonventionellem Ansatz viel Raum lässt. Das hier ist nicht nur ein schwelgerischer Soundtrack für die kommenden Sommertage im Park; es zeigt immer auch, welche Vorstellung von Popmusik Locket Pundt mit sich herumträgt und damit eben auch, welchen Anteil er letztendlich auch an den etwas  druckvolleren, dunkleren und komplexeren Veröffentlichungen seiner Hauptband Deerhunter hat. Erstaunlich ist dabei die hohe Wiedererkennbarkeit durch ungewöhnliche Melodien und die versponnene Produktion, die auch „Spooky Action At A Distance“ zu einem empfehlenswertes Album macht. Ohne neue Maßstäbe zu setzen enteilt auch dieses Nebenprojekt vielen anderen Rockplatten mit Leichtigkeit. (Nils Demetry, CampusFM)

VÖ: 20.04.

Links: Homepage | Facebook | Label

Anspieltipps

Strangers, #2
Link:

Monoliths, #6
Link:

White Galactic One, #5
Link:

Dusty Rhodes, #4
Link:

Remember Our Days, #9
Link:

Hier könnt Ihr Lotus Plaza: Spooky Action At A Distance - Silberling der Woche 17/2012 sofort bestellen: amazon.de

Archiv aller Silberlinge

radiobar