Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 01/2006

Albumcover

Les Mercredis
Lächeln Kostet Extra

Auf die Plätze, fertig, los! Schnell die Kindersicherungen raus, mit dem Finger tief in der Steckdose gewühlt und losgezappelt im 80´s dx7-Sound-Design. Casiotone-Hits für die Fraktion der diagonal Frisierten. Zeit für Indie-Disko! Also flugs die Easy Listening-Variante des Sofa-Abends geknickt und sich samt Freundmaterial mit Schockwellen aufs Parkett befördert.

Und – schwups – da wären wir auch schon drin, im mittwöchigen Klangkosmos, der mit „Gemeinsam Unter“ die Kiste in bester Viererbob-Manier anschiebt und mit eiligem, atemlosen Drang nach Vorne prescht. Da bollern die Beats auch mal genüsslich und in stoischer Ruhe gegen Text und Verstand, während das Keyboard in Richtung Spillsbury abdreht. Und wenn anfangs die 80er referenzgeschleudert wurden, dann folgt hier die revidierende Einschränkung, denn das elektronische Grundgerüst atmet mit tiefen Lungenzügen die Liebe von einer pathos- und patinabefreiten Popmusik und variiert bekannte Spielarten zwischen aufdringlichen Trashbeats, offensivem E-Punk und morschem Drum´n´Bass im Schleuderwaschgang. Ein bisschen überdreht vielleicht, aber keineswegs der Gleichförmigkeit und kühlen Oberflächigkeit erliegend, der so manchem Elektro-Pop-Projekten anheim gefallen ist.

Trotzdem lässt das Trio aus Siegen/Düsseldorf ihre Beats manches Mal zu maschinell durch ihre Tracks stampfen, die auch wie bei „Mindestens Haltbar“ ihr Haltbarkeitsdatum unlängst überschritten haben. Und auch am wild expressionistischen Ausmalen offener Farbkästchen mit grellen Buntstiften darf noch gefeilt werden, während sich das MIDI-Schlagzeug, vor Aufregung ganz hibbelig, an eher textlich starken Stellen gerne derweil in den Hintergrund trollen und den Hauch von Echtheit wahren dürfte. Ein bisschen Holz- statt Betonmentalität könnte bei Nummer Zwei für den nötigen Entwicklungsschub sorgen. Was in rückschlüssiger Konsequenz bedeutet: ein bisschen mehr vor Spannung knispelnde Tüfteleien, mehr ungeduldige Fettbässe und anders gedrehtes Soundgebrätze hätte den Innovationsfaktor auch auf „Lächeln Kostet Extra“ noch ein bisschen erhöht. So, wie plötzlich beim „Sekundenschlaf“ billigste Synthie-Geigen gen Ende gänzlich unkitschig vom Himmel klimpern oder bei „Sowas von egal“ das krächzige Aufgewühltsein greifbar wird. Das sind die detailverliebten Momente, die man auf dieser Platte eigentlich noch viel öfter hätte hören wollen. Aber auch mit bestehendem Material dürften ihre Konzerte ziemlich sicher in konditionsschlauchende Tollereien ausarten.

Und wischt man die Schweißperlen am Ende der Hüpferei beiseite, stellt man sogar fest, dass bei allem Vorwärtsdrang, Melodien in Pulverfässern und Beat-Dauerfeuer auch noch Zeit für lyrische Souveränität blieb. Denn wenn schon alle von Elektro-Punk reden und damit eigentlich nur spielerisches Unvermögen kaschieren (hier auch nicht gänzlich ausgeschlossen) erschöpfen sich die Texte des Trios dabei nicht in der Dokumentation hingeworfener Phrasen und rausexklamierter Parolen, wie es z.B. die ähnlich gelagerten Kollegen wie Von Spar oder Spillsbury perfektionierten, sondern bieten freiflächige Ansatzmöglichkeiten, ohne dabei in irgendeine stumpfe Beliebigkeit zu verfallen. Die deutschen Texte entziehen sich fast permanent der Konsequenz der Eindeutigkeit, stocken oftmals unkonkret und mehrschichtig und skizzieren befindlichkeitstangierende Freiheiten und kleine Gefühlsregungen, die sich im Strom dem selbst erdachten So-Sein-Sollens querstellen und die eigenen Empfindungen attackieren. Wer kennt sie nicht, diese Ambivalenz? Zwischen kleinen Brüchen, großen Fragmentsprüngen findet man Geschichten des Verlorenseins und zwischenmenschlichen Kausalitäten. Mittendrin quellt bedrohliches Dröhnen und spielt mit dem eigenen Ich in „Gedankenfeindbild“ ein perfides Spiel. Und weil auch so mancher Sinnzusammenhang dem Reim-Muster zum Opfer gefallen ist, ist „Lächeln Kostet Extra“ ein panzerfaustfester Hitbunker geworden.

Nichts für die Ewigkeit, nichts mit dickem Avantgarde- oder Artschool-Emblem, sondern ein Album über Reflektionen und voller Anfänge – nicht umsonst stehen Les Mercredis trotz vierjährigem Bestehen noch an der Startlinie ihrer Laufbahn. Mutiger All-Around-Pop mit elektronischen Reibereien, der ohne euroschweren Produktions-, Promotion- und Labelhintergrund auf den Tonträger wanderte und somit aufgrund des Selfmade-Debüt-Charakters allen Respekt verdient. Also Kinder, das mit der Steckdose ganz unbedingt bitte nachmachen! (Markus Wiludda, eldoradio*)

Künstler: http://www.lm.liebtnurdich.de
| Label: http://www.capitol-east.com

Anspieltipps

  • Besser Nicht, Track 10
  • Mit Mir Unter, Track 1
  • Das Letzte Deiner Art, Track 4
  • Sekundenschlaf, Track 6
  • Gedankenfeindbild, Track 5

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