Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 22/2012

Quarantine-Albumcover

Laurel Halo
Quarantine

Ina Cube hat sich ein passendes Künstlerpseudonym zugelegt. In Anlehnung an den Videospielklassiker "Halo" fungiert die New Yorkerin als Laurel Halo. Genauso überraschungsreich und irgendwie unheimlich wie sich der Science-Fiction-Ego-Shooter spielt, fielen ihre ersten zwei EPs und etliche Remixproduktionen aus, mit denen sie in der Vergangenheit bereits auf sich aufmerksam machte. Ebenso futuristisch und spacig, dafür aber ohne viel Bassgeknalle ist nun auch ihr Debütalbum geworden. Denn obwohl Cube einmal geäußert hat, dass sie am liebsten Gewehrschüsse, "orchestrale Schlaghits oder Angriff- und Explosionssounds" beim Sampeln benutzt, kommt "Quarantine" doch gänzlich ohne Beatgewitter aus. Auch die Drums bleiben unbesetzt. Das ist überraschend, wendet sich Cube damit schließlich von der schon gewagten "King Felix"-EP ab, die auf diese Elemente nicht verzichten wollte.

Die Basslosigkeit zieht sich fast durch das gesamte Album. Schon der Opener präsentiert sich in rein digital blubberndem Gewand und setzt vor allem Cubes Stimme in den Vordergrund, die mit ihren ungewöhnlichen Harmonien konventionellen Hörgewohnheiten ein Beinchen stellt. Die ersten Töne von "Years" scheinen noch einer harmonischen Abfolge von geloopten Pianomelodien in seichtem Ambiente zu folgen. Dann verdichten sich jedoch gelagerte Gesangspassagen zu einem unentwirrbaren Knäuel, Cube experimentiert mit verschiedenen Stimmlagen und hangelt sich zu den schrillsten Ebenen empor. Auch das bedrohlich wirkende "Carcass" gerät für Ohren, die Eingängiges gewöhnt sind, zum echten Drahtseilakt. Geduldsamere erkennen das Stück als verkopfte Konzeption. Gerade der fehlende Bass offenbart die subtilen, effektreichen Übergänge zwischen den Melodiefragmenten. So entsteht eine komplexe Vielschichtigkeit digitaler Fetzen. Das Instrumentalstück "Joy" etwa verbindet abstrakte Songschablonen miteinander, bewahrt sich aber selbst als zurückgenommenstes Stück des Albums immer noch eine ganz geheimnisvolle Spannung. 

Wie der Endgegner im Videospiel gibt es auch bei Cube einen Antipoden. Nur wäre „Quarantine“ nicht „Quarantine“, gäbe sich dieser in konkreter Form zu erkennen. Es ist die eigene Mystik, die eigene Hilflosigkeit, der Cube am Ende gegenübersteht. So legt die Gebrechlichkeit in der Stimme der 25-Jährigen mitunter die Assoziation nahe, der abstrakte Endgegner wachse in wilden Halluzinationen zu einer greifbaren Gefahr heran. Ungeachtet der beiläufigen Geräuschflut schiebt und jauchzt sich diese Stimme durch zwölf dynamische Klanglandschaften. Dabei entsteht disharmonische Reibung, die als mutige Präsentation menschlicher Unvollkommenheit gedeutet werden kann - das Schiefe, das sich in der heutigen digitalisierten und präzise verwalteten Welt kaum jemand noch zu offenbaren traut. Auch die Lyrics, deren Thematik größtenteils um Orientierungslosigkeit, Isolation und Einsamkeit kreist, suggerieren diese Interpretation. Die Platzierung von „Light & Space“ als hellstes Stück am Albumende weist allerdings doch noch in optimistische Richtungen. „Ich mag hoffnungsvolle Musik“, sagt Cube. Vielleicht die Hoffnung, dass sich das menschliche Emotionspotenzial letztlich doch gegen die Indifferenz der technischen Welt behaupten kann.

"Quarantine" ist ein gelungenes Debüt, das sich traut, den Hörer herauszufordern. Nach mehreren Durchläufen zeigt sich die Cleverness der Produktion; man wagt nach und nach, sich der Musik völlig hinzugeben, selbst wenn man sich damit ins gefährliche Terrain intrapersoneller Endgegner begibt. Als Referenzpunkte nennt Cube den amerikanischen Minimal-Music-Komponisten Steve Reich und den Dub-Techno-DJ Porter Ricks. Dass kreative Köpfe aus verschiedenen Einflüssen etwas bisher noch Undefiniertes basteln, ist nichts Neues. Selten kommt es jedoch vor, dass sich dabei derart kunstvoll verdichtete Kompositionen ergeben, die Melodiegerüste fortwährend transformieren und die klassische Songform so mutig transzendieren. (Philipp Kressmann, CT das radio)

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Anspieltipps

MK Ultra, #5
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Airsick, #1
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Years, #2
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Light & Space, #12
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Nerve, #11
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