Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 35/2008

Albumcover

Late Of The Pier
Fantasy Black Channel

Die Vorwürfe, die man an die vier Jungs von Late Of The Pier stellen kann, sind ebenso unverrückbar wie obsolet. Natürlich sind sie „yet another discoband“. Natürlich sind sie der angesagte Hype von der britischen Insel. Natürlich sind aufgrund von Hipness und Style gefeiert. Das alles ist aber kaum von Bedeutung, denn das flüchtige Momentum dieser Musik interessiert sich weder für die Einordnung in pophistorische Geflechte, noch für das Überdauern. Gerade in ihrer analytischer Zersetzungskraft, die sich ganz und gar auf das Aktuelle fokussiert, kann man Sinn und Unsinn dieser Platte erkennen. Einerseits bietet sie eine reizvolle Kreativität des Aktivistischen und unverschämt lustvolle Momente von Direktheit, Spaß und musikalischer Erprobung, andererseits eine bockige Inhaltsleere. Voller Nichtigkeiten, keine Frage.

Mit Gelassenheit beginnt beispielsweise „White Snake“, bevor heftige Aufgedrehtheit und Gutgelauntheit ihren Einstand feiern. Eine Minute später der Break, Pianogehämmer und ein Refrain, der in hymnenhaften Aufgeputschheit das zerfranste Ende vorwegnimmt. 2:45 Minuten ohne Wiederholungen, ohne Rückspiegel. Das Prinzip ist simpel und effektiv, schert sich nicht um Strukturen, ist hektisch und derb reichhaltig. Dabei stehen Konfrontation und Destruktion gar nicht im Vordergrund dieses rasanten Albums, dem man sympathischen Irrsinn zusprechen muss. Zum Tragen kommt die inzwischen bewährte Mischung aus angeberisch dicken Beats, Gitarren und hysterischem Gesang - also die musikalischen Fäden, die gerade ziemlich unbeaufsichtigt überall herumliegen. Gemeint ist ein Sound, der sich zwischen Frech House Marke „Ed Banger“ und britischen Neunzigern mit Prototypenbands wie Happy Mondays, Stone Roses und Primal Scream mogelt. Neuzeitlichere Projekte wie Shitdisco, Klaxons und Does It Offend You, Yeah? sind natürlich genreverwandt und somit als Eckpfeiler und Referenzklammern ausdrücklich nicht ausgenommen. Plagiatismus und totale Anbiederung an aktuelle Strömungen müssen sich Late Of The Pier aber nicht vorwerfen lassen, auch wenn sie Elemente wie den Atari-Bitpop (bekannt von Crystal Castles und Hadouken) geschickt in ihre Popentwürfe einflechten. Bunte Pillen und Exzesse inklusive. Das richtungswechselnde Rabaukentum ist dabei vielleicht der größte Unterschied zu den eher gradlinig fahrenden Kollegen und die größte Hoffnung, dass diese Band mehr ist als eine Eintagsfliege.

Dennoch: Es geht um den Moment. Es geht um den Tanz auf den Gräbern von Indie-Rock, Pop und Elektro. Um den Zusammenbruch unter Tränen. Das Wiederaufstehen. „Heartbeat“ beispielshalber ist fast propagandistischer Hedonismus. Es geht um das Leben, das Überleben als elementares Gefühl. Dass es immer weiter geht. Late Of The Pier kodieren keine Geschichten, verklausulieren keine Informationen. Es geht um bloße Alltags-Illustrationen und den Ausdruck singulärer Gefühle in universellen Situationen. Um „dafür“ oder „dagegen“. Dafür gibt Sänger Samuel Eastgate auch live immer alles. Man mag die Sichtweisen als jugendlich abtun, sollte aber darüber hinaus nicht vergessen, dass so Zuckersongs wie „Heartbeat“ oder „Space And The Woods“ mit ihren Gitarren- und Synthiemelodien mehr als nur ein Zucken in den Kniescheiben bieten. „It’s an easy life“, singen sie auf dem doppeldeutigen „The Enemy Are The Future“, bevor etwas leidender „it’s a hard life“ ertönt. Ein Sinnbild, was den Kern dieses Albums nicht besser auf den Punkt diktieren könnte: „Fantasy Black Channel“ atmet die gewisse Leichtigkeit, die ein Album eben braucht – ist aber ständig durch den Konstruktivismus gehemmt, den möglichst hohen Coolness-Level durch attackierende Breaks, flusige Fransen und checkermäßige Parolen zu erreichen. Man könnte meinen, die zweifelhaften Mischung „Hingabe“ und „Dummheit“ hielte das Album ganz alleine zusammen.

Dabei gibt es alle paar Minuten etwas besonders Hörenswertes! „Random Firl“ besticht mit kindlichem Entdeckergeist, schaut sich in den Harmonielehren-Büchern der kanadischen Montreal-Szene um und beendet das kurze Gastspiel mit abruptem Ende. Überhaupt sind die Songs meist eher unfertige Skizzen, was der Dynamik des Albums zuträglich ist und etwas das Dilemma kaschiert, dass die Halbwertszeit dieses Debüts bereits beim Erscheinen erreicht sein wird. „VW“ stemmt sich aber gekonnt dagegen undcruist in der Vorstadthölle bar jeglicher Romantik herum, zwischendurch fällt dann mal der Strom aus – dafür knallen spätestens bei „Focker“ die Sicherungen wegen Überbelastung extrascharf durch. Überhaupt drehen auffällig besonders die vielen guten Singles im roten Drehzahlbereich, der Rest bietet, wie es sich für Alben dieser Art standesgemäß ziemt, wenig Spektakuläres. So relativiert sich das Ganze schnell, wenn das erste Erstaunen gewichen ist, sich der dunkle pyrotechnische Rauch verzogen hat und die normale Atmung inklusive Denkmaschine wieder einsetzt. Ja, vieles hier ist laut, plakativ, energetisch und unübersichtlich. Das genau sind die Trümpfe, die der vierer aus Castle Donington ausspielen, denn das Album geht exklusiv raus an Ungestüme, Binge-Drinker, schweißnasse Stylos und alle, die auf Ehrwürdigkeit, Tiefsinn und Langmut gepflegt scheißen. Die Devise ist klar: Jetzt oder nie! (Markus Wiludda, eldoradio*)

VÖ 29.08.2008

Band: http://www.lateofthepier.com | Label: http://www.parlophone.co.uk

Anspieltipps

  • Heartbeat, 06
  • Space And The Woods, 03
  • Random Firl, 05
  • Focker, 09
  • White Snake, 06

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