Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 09/2004

Albumcover

Last Days Of April
If You Lose It

Wir haben zwar erst Ende Februar, aber das neue Album der schwedischen Band Last Days of April passt ganz gut in diese Karnevals-Woche. Denn scheinbar fließend verlaufen in dieser Woche die Grenzen zwischen ausgelassener Freude und Frohsinn (Rosenmontag) und der anschließenden bedächtigen Zeit (ab Aschermittwoch). Ebenso wie bei der neuen Platte von den Last Days. Sie besteht aus andauernden Wechseln zwischen "irgendwie fröhlich" und "doch wahnsinnig traurig". Und ist dabei auf das Wesentliche reduziert.

Konnte man bei den ersten beiden Alben der Band ("Rainmaker" aus dem Jahre 1998 und "Angel Youth" von 2000) noch denken, dass sie sich anschicken die europäischen Jimmy Eat World zu werden, so war ihr Drittwerk "Ascend to the Stars" von 2002 eine sanfte Pop-Perle. Die Band schaffte es, eine einmalige Stimmung zu erschaffen. Keyboards wie Nebelschwaden und über allem der Gesang von Frontman Karl Larsson, als ob er seinen ganzen Weltschmerz in die Songs legen würde.
Jetzt also "If You Lose It". Und ein bisschen haben sie tatsächlich verloren: so kann beispielsweise nur noch bedingt von den Last Days of April als Band gesprochen werden. Neben Karl ist nur noch Schlagzeuger Andreas Förnell von der ursprünglichen Bandbesetzung übrig geblieben. Da Karl aber sowieso fast alles Instrumente selbst eingespielt hat - wozu braucht man eine Band? Und auch die Musik selbst klingt eingeschränkter. Keine Keyboard-Wände mehr, die alles übertünchen. Reduktion als Stilmittel. Die Songs wirken fast als wären sie unfertig, noch im Rohzustand. Das genaue Gegenteil von all diesen überproduzierten Mainstream-Rock-Acts, die im Radio rauf und runtergedudelt werden.
Doch das wichtigstes Merkmal hat weiterhin seinen Platz in den Kompositionen: die zerbrechliche Stimme des Frontmanns Karl, die jeden Song mit einer melancholischen Grundstimmung überzieht. Beinahe so, als würde er jederzeit anfangen zu weinen. Was auch nicht ganz so weit hergeholt ist. Laut eigener Aussage kann Karl nur Songs schreiben, wenn er traurig ist: "Wenn du fröhlich bist, ist ein Song nur ein Song. Aber wenn du traurig bist, kann ein Song die ganze Welt bedeuten." Emotionen sind halt doch das Wichtigste in der Musik.
Doch möchte die Band -verständlicherweise- nicht mit dem inflationär gebrauchten Begriff "Emo" etikettiert werden. "Emo ist Blödsinn, denn wofür steht es? Es steht für Emotionen. Und Emotionen sind der Auslöser jeder Musik."
Vielleicht sollte man eine solche Grundhaltung auch mal jemand an Leute wie Dieter Bohlen weitergeben, der Musik nur als Geldquelle zu sehen scheint. Und auch hier hat Karl seine ganz eigene Meinung: "Ich bin nicht reich oder sowas, aber ich kann von meiner Musik leben. Ich brauche nicht viel, mache aber, was mir wirklich am Herzen liegt. Ich könnte mir nicht vorstellen einen Beruf auszuüben, der nichts mit Musik zu tun hat."

Diese Leidenschaft kommt der sympathischen Musik deutlich zu Gute. Ein kleiner Wermutstropfen bleibt jedoch: "Ascend to the Stars" war so etwas wie die perfekte melancholische Pop-Platte; "If You Lose It" ist "nur" noch eine wunderschöne Angelegenheit. Das ist zwar immer noch mehr, als vieles andere auf dem deutschen Popmarkt, dennoch hatte man von dieser Band noch mehr erwartet. Wenn man aber der Platte wirklich etwas vorwerfen kann, dann nur, dass sie eine viel zu kurze Spielzeit hat.
Was bleibt also? Diese Platte so lange wie möglich genießen und dann darauf hoffen, dass der nächste "Last Days"-Longplayer wirklich das zu erwartende Meisterwerk wird. April kommt nach den ganzen Karnevalstagen eh schneller, als man erwartet.
(Joachim Link, RadioQ)

Anspieltipps

  • Do For Two; Tr.8
  • It´s On Everything; Tr. 1
  • Fast, So Fast; Tr.10
  • Me The Pleague; Tr.5
  • Tears On Hold; Tr.3

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