Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 14/2004

Albumcover

Lali Puna
Faking The Books

Die Kontinuität eines echten Schlagzeugs nährt die Stille des Ambientes, während die Moogs in gewohnt unberechenbarer Schönheit irrlichtern.
Ein Fluss dichter, aber auch lichter Klänge. Valerie Trebeljahrs Gesang befindet sich in einem entrückten Schwebezustand über dem Strom, zeugt von Ankunft an Nicht-Orten, scheint immer eine Metaebene weiter als der Hörer. Und das alles obwohl, oder gerade weil Valeries Stimme sich aller Phonogenität entzieht. Melodien, vergessen und ziellos, holen die zeitlosen Songs aus der anorganischen Isolation und tauchen wieder in die Unaufdringlichkeit ab. Melodien schrammen nah am Ohrwurm vorbei, entfalten aber Kratzer für Kratzer ihre Tiefenwirkung. Da synthetisieren sich anspruchsvolle Rhythmusstrukturen und schichten sich Collagen voll atmosphärischer Dichte und atemberaubender Leichtigkeit. Glucksende Sounds aus ungeheuren Tiefen, abstrakt irisierende Restsounds und süßliche Kirchenglocken stemmen sich mal säuselnd, mal pluckernd gegen die Beats, immer vollkommen in den Song installiert. Immer hin zur Stimme, hin zum Song.

Dazu Rock! Neustart von da aus, wo es am schönsten war, um die nächsthöhere Ebene zu erreichen. Gitarren, Bass, Percussion.
Nach dem eher minimalistisch-poppigen „Scary World Theory“ ein neues Selbstverständnis, ein neues Selbstvertrauen, aufgedrehte Verstärker. Raumwuselnde Spannung kommt auf. Hier treffen Digitalisierer und Programmierer auf Gitarreros und Fiktionisten. Clashed To. So werden die unterschiedlichen Ansätze ineinander verschoben, geben sich die Klinke von einem Klangraum zum nächsten in die Hand.

Aber das kennt man ja nicht anders aus Weilheim. Schließlich heißen die Grenzgänger neben Vordenkerin Valerie Trebeljahr Markus Acher (sic! Notwist), Christoph Brandner (sic! Console) und Christian Heiss (sic! Tied & Tickled Trio). Sie puhlen abgerissene, sphärische Fetzen von der Festplatte, kleben trocken-pulsierenden Blättchen auf diskontinuierliche Gitarrenpoparrangements. Die Oberflächentexturen sind hypnotisch, manchmal beruhigend, bisweilen einfach nur wunderschön wie der genialistische Titeltrack. Konfusionen und Widersprüche, ansatzlos verwoben mit lässiger Unkompliziertheit, balancieren auf der Schwelle von Elektronik und Indierock. Indietronica nannte das mal ein Fachmagazin und meint nichts anderes als den unglaublich komplexen Kosmos, den die Songs in sich tragen.

Für den symbolischen Überbau tragen die system- und gesellschaftskritischen Texte Sorge, die verwirren, aufrütteln und verunsichern. Ein versehrtes System, ein Volk von Ja-Sagern und kompromissbereiten Konformisten.

Lali Puna präsentieren sich wieder einmal als intellektuelle Schöngeister, die sich in der elitären Rolle europäischer Klangforscher zu gefallen scheinen. Substanz ohne Fülle, Anspruch ohne Verkopftheit, Ausgewogenheit ohne Monotonie.
„Faking The Books“ gelingt eine selten glücklichere Fusion von subtilen Untertönen und euphorisierenden Soundebenen mit einer klassischen Bandinstrumentalisierung. Ein Geheimnis.
(Markus Wiludda, eldoradio*)

Artist: http://www.lalipuna.de

Label: http://www.morrmusic.com
(wunderschön chaotische Labelsite, unbedingt mal hinsurfen!)

Anspieltipps

  • Call 1-800-Fear #2
  • B-Movie #5
  • Faking The Books #1
  • Left Handed #9
  • Micronomic #3

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