Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 46/2011

Albumcover

La Dispute
Wildlife

Die Gitarren sind stumpfe Waffen gegen die schonungslose Konfrontation, die Frontmann Jordan Dreyer vorantreibt. Mit belegter Nicht-Stimme singt er, mit tauber Zunge, dumpf und atemlos. Gepresst und gequält, immer kurz davor, sich zu überschlagen. Eine Stimme, die erschüttert, die alles durchdringt und authentisch das lebt, was sie erzählt. Sie singt vom Verfall der Häuser, von der Verrottung des Stadtbildes, was selbstredend nur metaphorisch gemeint ist. Sie skizziert eine Gesellschaft, deren konstituierende Fundamente restlos erschüttert sind. Es ist ein brachial existentialistisch anmutendes Konzept, in dem die Band mit der Bürgerlichkeit abrechnet und eine zerbrochene Welt hinterlässt. Diese Band stöberntn den dunklen Ecken. Im Dreck, bei den Benachteiligten, Missachteten und Abgehängten.

La Dispute waren fünf enttäuschte und wütende Jungs aus Michigan, doch inzwischen gelten sie in der Szene als „Zukunft des Hardcores“. Sie vertonen den Klang und die Wut der Städte. Ein Leben in einer zerrütteten Ökonomie und in gescheiterter Kommunikation. Was oft bloß bleibt, ist die schon fast konservative Erkenntnis, dass es früher anders, vielleicht besser war. Dass die Gegenwart in ihrer Komplexität, auf viele nur wie eine Hülle der Angst wirkt, in der sie ohnmächtig gefangen sind. Aus der ein Entrinnen nur in Gedanken und der Flucht in Religiosität ermöglicht wird. La Dispute streuen aber derartig reflektiert Salz in die Wunden, dass jedes Medium des Opiums sich unmittelbar als Selbstlüge herausstellen muss.

Kaum eine Band erzeugt eine solch physisch spürbare Beklemmung durch ihre Songs, wie es die fünf Amerikaner auf ihrem unmissverständlich eindringlichen Drittwerk schaffen. Sie pressen die Gewalt und die Ungerechtigkeit auf Platte. Die dumpfen Gitarren zeichnen barocke Formen, das Schlagwerk tropft, meist ist es immer nur eine Ahnung von Melodie, ein unausgereifter Bogen, ein halbes Riff, die die Texte stützen und ihnen Halt geben, weil das das einzige ist, was ihnen geblieben ist. Es sind vor allem die Texte, die Stimmung, der Abgrund, die hier ihre bleckenden Zähne zeigen. Und dann ein ums andere Mal zubeißen.

Einzelne Highlights zu nennen, würde fast den Rest diskriminieren, zu stark ist dieses Album von Anfang bis Ende. Allein schon die Worte in „King Park“ summieren sich zu 4000 (!) Zeichen auf und erzählen über die Dauer von sieben Minuten in Spielfilmformat eine Tragödie. Ein Mord? Ein Unfall? Kratzend und aufschürfend werden Schuld und Vergebung verhandelt, Sensationslust und Gesellschaft  – bis alles in einem hoch emotionalen Finale konvergiert:

 “And if I turn it on me, if I even it out, can I still get in or will they send me to hell? Can I still get into heaven if I kill myself?”

Die Grundstruktur der Tracks gleicht dabei nie dem üblichen Song-Schema, hier werden ganze Geschichten in Cinemascope erzählt. In einfacher Sprache vorgetragen. Immer leicht überzeichnet, aber mit dem nötigen Grummeln in der Magengrube, der Antriebsfeder. Da, wo sich die Musik bedingungslos dem Text unterwirft, gibt es ein paar spröde Passagen, wie auch dem gesamten Album ein paar abwechslungsreichere Klänge gut zu Gesicht gestanden hätten. Aber das ist das Erbe des Post-Hardcore, das hier weit gespreizt wird, sich Screamo und Math-Rock nähert und inzwischen spielend szeneübergreifende Relevanz entwickeln kann. Noch jedoch wird sich allem Hymnischen verweigert, “Wildlife” ist daher konsequent knochentrocken.

Alleine das Ende von „St. Paul Missionary Baptist Church Blues” mag Beweis genug für die Klasse dieses Albums sein, das seinem ungestümeren Vorgänger fast ebenbürtig ist. Eine Durchhalteparole von Song, dem einfach mal das letze Flackern Hoffnung geklaut wird. Der sich mit dräuenden Gitarren aufbäumt, sich durchpeitscht und dann bedrohlich ausklingt als wäre der Schritt über den Abgrund bereits getan. Man weiß dabei dann aber nie genau, ob es nun alles vorbei ist oder ob es doch noch irgendwie weitergeht. Ohne Plan und ohne Zukunft. Und dann kommt das nächste Brett, der nächste Schmerz. (Markus Wiludda, eldoradio*)

Anspieltipps

You and I in Unison, #14
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Edit Your Hometown, #4
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A Departure, #1
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St. Paul Missionary Baptist Church Blues , #3
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King Park, #9
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