Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 45/2011

Albumcover

Kuedo
Severant

Auch wenn der Winter in diesem Jahr auf sich warten lässt, wird er uns früher oder später treffen. Einen möglichen Soundtrack, für eine Welt die dann wieder in Dunkelheit gehüllt wird, haben wir mit Kuedo nun gefunden, säuberlich eingerahmt in den musikalischen Trends des Jahres: Retrofuturistische Bassmusik.

Passend zur Jahreszeit beschreibt Jamie Teasdale als Kuedo eine verworrene, sterile Welt der Künstlichkeit.  Er wandelt hier auf eigensinnigen Pfaden ganz abseits von Vex’d, seinem ehemaligen Dubstep-Projekt mit Partner Roly Porter. Gemeinsam frönte man noch der härteren Gangart und vermengte dub mit einer ordentlichen Portion Grime. Als Kuedo nimmt sich Teasdale nun Raum, um eine autarke Welt zu kreieren und diese mit Leben zu füllen. Dennoch scheint die Sonne hier nur selten selten: Endzeitstimmung ist angesagt. Anstatt aber den Hörer in dieser schwer greifbaren Welt sich selbst zu überlassen, greift Teasdale uns bei der Hand, benennt seine Referenzen klar und zeichnet eine schlüssige musikalische Landkarte nach, mit dessen Hilfe man aus dieser düsteren und synthetischen Sphäre wieder herausfindet. Als Gefühl bleibt eine nostalgische Zukunftsversion des Künstlers, und Dank des 80er geschwängerten Synth-Pop-Revivals in diesem Jahr entpuppt sich der Sound von Kuedo hipper als jemals zuvor.

Die ersten Tracks auf “Severant”, dem Debutalbum Kuedos, verfügen über einen leicht meditativen und melancholischen Charakter. Angefangen bei dem Opener “Visioning Shared Tomorrows”, nimmt das Album im Laufe der insgesamt 15 Tracks sukzessive an Fahrt auf: Es wird unruhiger, ungemütlicher und ist nicht immer ganz leicht mit einer adäquaten Menge an Aufmerksamkeit zu konsumieren. Beweisstück Nummer eins ist “Onset”, dessen Hintergrundmelodie an den Akte X- Theme erinnert, sich aber durch aufdringliches Synthiegeknatter jeglichen Anflug geheimnisvoller Stimmung entledigt und stattdessen zum ungemütlichen Höhepunkt des Unwohlseins aufschwingt. Spätestens an diesem Punkt erhält die Endzeitstimmung Einzug und es ist unmöglich nicht zu bemerken, dass Teasdales Tun auch unmittelbar eine Hommage an persönliche Helden ist. Einer sticht diesbezüglich besonders heraus: Der 1982 entstanden Blade Runner Soundtrack von Vangelis ist eine dieser klaren Referenzpunkte. Mit “Flight Path” liefert Kuedo eine tiefe Verbeugung vor dem damals revolutionären Künstler, der Science Fiction in die Musik brachte. Die unwirkliche Welt, ein getriebener Harrison Ford, die Unruhe der Verfolgungsjagden - all jenes ist, auch wenn eventuell ungewollt, auf dem Album “Severant” zu hören. Blade Runner OST 2.0 ? Warum eigentlich nicht, es würde hervorragend passen.

Wo Teasdale und Porter den Dub mit Industrial-Sounds in den Mainstream führten und ihn diesbezüglich salonfähig machten, knüpft auch das Projekt unter dem Pseudonym Kuedo an. Auch wenn das industriell-synthetische nicht ganz so offensichtlich zelebriert wird, ist es doch in den meisten Tracks rauszuhören: Einige bauen an Intensität ab und verfallen in einen hypnotischen Dornröschenschlaf (“As We Lie Promising”, “Shutter Light Girl”), andere, zum Beispiel “Salt Lake Cuts”, muten durch steigende Spannungskurven und sich langsam aufbauende Soundgerüste gerade zu episch an. Diese lassen das volle Ausmaß an Kuedos Fingerfertigkeit erahnen.

Mit “Severant” liefert Kuedo ein bemerkenswertes Debütalbum ab, das einen spannenden Grat zwischen seiner Industrial und Grime verknüpften Dub- Interpretation mit Vex’d und seiner nostalgischen Sichtweise auf die dunklen Zukunftsvision der wavigen und Synth-lastigen 80er beschreitet. In diesem Kontext sticht Kuedo mit “Severant” heraus aus der breiten Masse an Elektro-Künstlern, die sich bei dem Versuch der Neuinterpretation dieser vergangenen Epoche gleich mehrfach übernommen haben. Teasdale ist ein Getriebener und diese Eigenschaft ist auch in seinem Tun beheimatet. Ausdrucksstärke und Unruhe liegen gleichermaßen in seinen Beats und den verwendeten Synths. “Onset” und “Scissors” sind in diesem Zusammenhang die absoluten Paradebeispiele und lassen keinen Stillstand zu. Entspannung sieht anders aus. (Ben Grosse-Siestrup, CampusFM)

Anspieltipps

Truth Flood, #6
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Flight Path, #11
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Scissors, #5
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Onset (Escapsim), #4
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Ant City, #2
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