Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 11/2006

Albumcover

The Knife
Silent Shout

Düster, sphärisch und bedrohlich kommt er einem entgegen. Er ist groß - riesig! - und verdammt laut. Man kann ihm nicht mehr entfliehen, er nimmt mit, saugt auf. Völlig erlegen muss man sich seinem Angriff hingeben, den stillen Schrei über sich hinwegfegen lassen und schon wird man auf die Reise mitgenommen.

Der Rhythmus hält einen gebannt. Gemeine atemlose Geräusche verhöhnen, bis ein Melodiebogen herantritt und zupackt. Währenddessen spielt ein schemenhafter Synthie um einen herum, macht tollste Bewegungen und verwirrt stetig mehr. Er hat die komplette Konzentration auf sich gezogen - doch plötzlich kommt aus dem Hintergrund eine Stimme angesprintet, fliegt direkt auf einen zu, so dass ein Ausweichen unmöglich scheint. Verzerrt, verzögert, stressig, auf eine indirekte Art schallt einem die Stimme entgegen! Gleichzeitig wird die Melodie vom Synthie immer wilder geführt. Die Atmosphäre umhüllt einen, bis ein Entkommen unmöglich scheint. Man will es auch gar nicht mehr! Das Messer hat einen einfach hinterrücks überfallen und durchbohrt bis man willenlos niedergestreckt ist.

Von was hier die Rede ist? Es geht um einen musikalischen Anschlag, ein mieses Attentat - vollzogen mit einem Dolch. "The Knife" starten mit ihrem Album "Silent Shout" einen Angriff auf das Musikwesen. Ihre elektronische Musik wird durch ein Element ganz besonders geprägt: Sie fesselt durch ihre Melodien und die unkonventionelle Entwicklung der dunkeltanzenden, fast technoiden Songs.

Ob Elemente aus "Neuer Musik" wie bei „We Share Our Mother’s Health oder althergebrachte Geräusche wie Kastagnetten - bei "The Knife" ist alles vorhanden. Die Möglichkeiten elektronischer Klänge werden wieder einmal neu ausgelotet. Hierbei fallen aber nicht nur die genialen neuen Klänge ins Ohr und auf. Wenn man das Album ein paar Mal gehört hat, merkt man erst, dass die Klangkunst im Detail steckt. Ein im ersten Song noch trockener, regelmäßiger Bassbeat wird ein paar Tracks später schon immens verändert. Ohne aber die Homogenität vermissen zu lassen. Man merkt einen Unterschied, etwas stimmt nicht im Gesamtbild, aber man kann die Ursache erst nicht lokalisieren. Der Bass ist nicht mehr sauber und präzise produziert. Er schleift sich hier ein wenig dreckig und ungenau unter dem hellen, scheppernden Oberbau hindurch. Fetzige Vibraphonklänge und derbe Becken knallen durch die Luft, sodass man sich fast unwillkürlich vor ihnen duckt.

Die ganze Zeit wird der knisternde und pluckernde Beat-Sound wie bei der ersten Deutschland-Single "Marble House" von zuckersüßen, gebrochenen Melodien begleitet, die immer im Vordergrund stehen und die Hand auch Elektronik-Verachtern weit entgegen strecken. Das Stück "The Captain" kommt, bis auf die letzten Minuten, sogar komplett ohne Beat aus. Zwischen deisen beiden Stücken ist die Dominanz der Melodien uneingeschränkt zu spüren - die Klänge nehmen ein ungeahntes Maß an Weite und Einsamkeit an. Entwicklungen von absoluter Sphäre bis zum fast technoiden Track sind dabei friedlich nebeneinander vereint. Beides wird im Opener des Albums vereint: “Silent Shout“ ist absolut tanzbar mittels der Symbiose aus Bass und Melodie.

Hinter "The Knife" steckt ein Geschwisterpaar. Karin (30) und Olof (24) Dreijer aus Stockholm, Schweden sind die melodiösen Köpfe hinter diesen chicen Weltraumsounds. Seit 1999 produzieren die beiden inzwischen zusammen und haben dafür sogar eigens ein eigenes Label gegründet. Jedoch ist ihnen ihre Musik viel wichtiger als das Label. Die Motivation, den Elan und die Bemühungen, die sie in die Musik stecken, merkt man nicht nur auf ihren unzähligen Kooperationen mit anderen skandinavischen Künstlern wie z.B. Röyksopp, sondern erst recht in ihren eigenen Platten. Kleinste Spielereien und hintergründige Bewegungen zeichnen ihre Musik aus. Ein Elektrosound, der sowohl auf Tanzflur und Kopfhörer gleichermaßen funktioniert.

Lasst euch mitnehmen auf eine Reise, die Angst macht, die euch fesselt und die ihr doch bis zum Ende durchstehen wollt! (Cornelius Kämmerling, eldoradio*)

Künstler: http://www.theknife.net | Label: http://www.rabidrecords.com

Anspieltipps

  • Marble House, # 6
  • Forest Families, # 9
  • Silent Shout, # 1
  • We Share Our Mother´s Health, # 4
  • Neverland, # 2

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