Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 35/2006

Albumcover

klez.E
Flimmern

klez.E stehen im See. In algengrünem Gewässer, dessen Sichtverhältnisse gerade einmal den unscharfen Blick zur nächsten Wasserpflanze zulassen. Das Cover der Berliner beschwört Assoziationen herauf. Das Grün der Hoffnung, die Sterbemetaphorik des Ins-Wasser-Gehen. „Flimmern“ ist ambivalent. Konkret und diffus. Gleichzeitig banal und existenziell. Es ist vielleicht das beste deutschsprachige Album des Jahres.

Vermutlich standen die Fünf grübelnd am Ufer; ihr Konterfei im Seespiegel erblickend und gedankenverloren resümierend. Dass nichts gewiss ist, dass selbst ein einziges geworfenes Kieselsteinchen die Gesichter zu unmenschlichen Fratzen verzerrt. Ein ergreifender, wie erdrückender Zustand. Beziehungen beginnen und enden. Katastrophen geschehen. Der Alltag. Die Industrie. klez.E haben die oft so verschwommene Realität fest im Blickfeld und erinnern uns mit jedem Wort und jedem Ton daran, dass die Welt noch Optimierungsbedarf hat. Es geht um Universarien und Kardinalsthemen. Um Illusion, Desillusion, Hoffnungslosigkeit, Rastlosigkeit, und Perspektivlosigkeit. Es ist wenig Schönklang in klez.E. Sie blättern die Farbe von der Wand.

„Wir sollten glücklich sein“ singt Tobias Siebert in „Mein Geschenk“ und es klingt so zerquält und weltenttäuscht, dass einem Angst und Bange um das vollzählige Fortbestehen der Band wird. Dabei ist „Flimmern“ erst ihr zweites Langspielwerk und hoffentlich nicht ihr letztes. Bass, Gitarre und Schlagzeug verschränken sich ineinander, lassen einander wieder los, dazwischen elektronische Einsprengsel, todtraurige Geigen und eigensinnige Texte, die von einer energischen und verletzlichen Stimme vorgetragen werden und so eine ganz eigene Poesie schaffen, die aufwühlend, ergreifend, verschachtelt, ernüchtert wie melancholisch alle Facetten des Beliebigen großräumig umschifft. Selbst dann, wenn sie in simple Liebesrhetorik abschweift: „Und alles was wir wollen ist, dass wir jetzt begreifen, dass wir uns reichen“. Ein bisschen Versöhnlichkeit zwischen all dem agitatorischen Gehabe.

Denn das mutlose Aufgeben, die leidvolle Resignation ist nicht die Welt der Berliner und das lassen sie einen selbst körperlich spüren. Die Gitarren jaulen mit und laut, der Gesang liegt eigentlich permanent neben der Spur. klez.E setzen unserem Kanon von schlechtgestimmten Gefühlen ihr Repertoire an schlechtgestimmten Tönen entgegen. Klar, dass die Quintessenz nicht gerade die Party des Jahrhunderts verspricht. Aber dafür Nachhaltigkeit, Ehrlichkeit und Tiefenschärfe. Man könnte heulen. Oder die Faust recken. Zum Beispiel dann, wenn in „Standard“ die schieftönende und verzerrte Kaskade der Konsumkritik ertönt und sich bis zur Atemlosigkeit aufreibt. Oder sich hemmungslos verlieren – in dem Hit, der „Werbefläche Mond“ betitelt ist. Oder hoffen wollen, aber es nicht können („Tag im Fallen“). Dazu erklingt jeweils eine Musik, die uns einfängt, den Magen umdreht, den Tag neu erleben lässt und alles umwirft, was uns seit dem Morgen begleitet hat.

Die Grundstimmung des Betroffenen, eingefangen in grauen Wiederholungen und verkanteten Melodien, zieht wie ein Strudel umher, packt einen, zieht einen hinab ins Dunkle und löscht mit seinen traurigen Dissonanzen jeden noch so kleinen Funken Hoffnung. Die Welt zerbricht. Das klingt mitunter alles so monoton und verloren, dass man ihnen am liebsten eine heiße Tasse Tee anbieten würde. Aber sie stehen einfach weiter da. In der Kälte. Im See. Und erfrieren ein bisschen für uns. (Markus Wiludda, eldoradio*)

Band: http://www.klez-e.de | Label: http://www.loobmusik.de

Anspieltipps

  • Werbefläche Mond, Track 4
  • Tag Im Fall, Track 6
  • Standard, Track 3
  • Strandlied, Track 1
  • Mein Geschenk, Track 2

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