Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 36/2008

Albumcover

Kitty, Daisy & Lewis
Kitty, Daisy & Lewis

Rhythmn’n’Blues, Americana, Rock´n´Roll und Rockabilly. Spätestens seit dem Johnny Cash-Revival vor drei Jahren mit “Walk the Line” sind die klassischen Klänge wieder salonfähig. Die Nostalgie der 50er und 60er Jahre – eigentlich könnten Kitty, Daisy und Lewis Durham nicht weiter davon entfernt sein. Denn nicht aus der ländlichen Idylle oder wenigstens Memphis, Tennessee, sondern aus dem urbanen London, der Heimat etlicher Indie, Elektro oder Grime Künstler, stammen die Geschwister. Die drei sind gerade einmal 16, 19 und 18 Jahre alt und zaubern ein Staunen auf die Gesichter der Hörer ihrer Debut LP "Kitty, Daisy & Lewis". Die Platte ist reif und klingt nicht nach Experimenten von drei Teenies mit einem Durchschnittsalter von 17 Jahren. Kein Wunder, wagen sich die drei bei acht der zehn Songs an bereits bestehendes und mit der Zeit gealtertes Material, das sie mit naivem Mädchencharme nochmals überarbeiten und mit einer staubigen Patina überziehen.

Umso mehr erstaunt es, dass die Produktion komplett im eigenen Studio abgelaufen ist. Analog versteht sich. Wer will schließlich eine schöne Steel Gitarre am PC aufnehmen? Das wäre gerade für Plattenfan Lewis eine Sünde. Dennoch klingt die Platte verwittert, verkratzt – eben, stilecht, unglaublich alt. Hilfe gab es dabei lediglich vom musikalischen Vater Graeme Durham, der live auch schonmal mit der Akustikgitarre aushilft. Auch Mutter Ingrid (Mitglied bei der Postpunk-Band The Raincoats) steht gelegentlich mit auf der Bühne und slammt den Kontrabass. Wenn man von einer musikalisch Familie spricht, dann wohl von dieser. Entsprechend dieser These ist es nicht verwunderlich, dass die drei Protagonisten multiinstrumental veranlagt sind.

Der erste Song und gleichzeitig die Single auf "Kitty, Daisy & Lewis" gibt die Richtung vor in die es in der nächsten halben Stunde geht. “Going Up The Country”, ein Canned Heat-Cover, schlägt voll ein. Ein amtlicher Country-Groove begleitet von der sehr markanten Stimme der 19 jährigen Daisy, ein satter Klatschrhythmus und ein Mundharmonika-Solo, bei dem jeder, der schonmal zu Karneval ein Cowboykostüm getragen hat, eigentlich feiern müsste. "Buggin Blues" ist selbstkomponiert, hinkt aber trotzdem nicht hinterher, sondern kann gut mit den etlichen Coversongs, unter anderem " I Got My Mojo Working" von Muddy Waters, mithalten. Außerdem hört man hier zur Abwechslung mal die Stimme von Lewis Durham, der sich ein bisschen als Matermind hinter dem Trio hervortut. Das schlurfige "Honolulu Rock-A Roll-A" kommt leider ein bisschen spät für Sommergefühle, ist aber sehr empfehlenswert für den nächsten Karibik-Trip. Überhaupt ist die Musik sehr assoziativ: Vor dem inneren Auge erscheinen unwillkürlich Bastrock-behangene braune Schönheiten mit Blumenkette und einem süßen Lächeln, naturfarbene Tongefäße mit vielen Früchten und Cocktailschirmchen. Lecker.

Die Musik von Kitty, Daisy & Lewis fällt aus der Zeit, katapultiert den Hörer ein halbes Jahrhundert in die Vergangenheit. Das kokettierende “Mean Son Of A Gun” passt da nur allzu gut hin – mit seinen Mundharmonikas, Hawaii-Steelgitarren und dem hüpfenden Bass. Die Zeit, in der die Männer das Sagen hatten und Frauen die emanzipatorischen Errungenschaften noch erkämpfen müssen – vielleicht macht auch genau dieser anachronistische Blick in den Rückspiegel für die drei jungen Londonerinnen den so großen Reiz aus. Wer verständlicherweise nach dem Hören der LP nicht glaubt, dass es sich bei dem Trio um Engländer oder zumindest Exil-Texaner handelt, dem sei versichert, dass auch in urbanen gefilden Lederhüte und Jeans getragen werden. Yeehaa.

PS: Übrigens gibt es die Scheibe nicht nur als CD sondern auch auf Platte. Wobei man dem guten Stück mit einem handelsüblichen 1210er-Plattenspieler nicht beikommen kann, denn Lewis presst persönlich Schellack-Platten - und die laufen bekanntlich auf 78 Rpm. Rock´n´Roll eben. Um noch ein bisschen auf der Technik rumzureiten sei angemerkt, dass das zur Aufnahme benutzte Equipment vollständig im Inlet der CD augeführt wurde. Wer also zufällig Ampex AG-440s zu Hause stehen hat, kann sein Glück versuchen und die Platte re-recorden. (Florian Dudda, CT das radio)

VÖ: 29.08.2008

Band: http://www.myspace.com/kittydaisyandlewis | Label: http://www.sundaybest.net

Anspieltipps

  • Going Up to The Country, #1
  • Buggin Blues, #2
  • Honolulu Rock-A Roll-A, #4
  • Mean Son Of A Gun, #6
  • Ooo Wee, #9

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