Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 46/2004

Albumcover

Kings Of Leon
Aha Shake Heartbreak

Gerade mal 14 Monate ist es her, da legten die "Kings Of Leon" ihren ersten Longplayer "Youth and Young Manhood" vor:
Ungehobelter, simpler, bluesiger Riffrock mitten aus den USA von den drei Brüdern Caleb, Nathan und Jared Followill, sowie ihrem Cousin Matthew Followill.

Die Musikpresse in Europa schrie "Ohh!" und "Ahh!" über diesen unprätentiösen kreativen Ausbruch einer Musikerfamilie mit dem Durchschnittsalter eines Sekundarstufenschülers und zog beim beliebten Schubladen-Spiel alle Register. Kein Wunder, hatte man doch in Oklahoma und Tennessee - besonders in Nashville, Gründungsort der "Kings Of Leon" - immer das Herz einer Musikszene verortet, deren stilistische Vielfalt sich auf die Unterscheidung Country vs. Western stützt. Die Schreiberlinge rangen also nach Einordnungsmöglichkeiten. Von den "Strokes des Südens" über "The-Band ohne the" (der Erfinder des Wortes "The-Band" gehört ohnehin öffentlich ausgepeitscht) bis zu den "neuen Creedence Clearwater Revival" wurde alles abgeklopft, was nur im Entferntesten Vergleiche zuließ, und war es nur auf Grund des hippie-esken äußeren Erscheinungsbilds.

Zugegeben! Nathans Snare-Einsatz auf dem neuen Longplayer erinnert mich bei "Velvet Snow" und "Pistol of Fire" schon an Creedence. Und die Herkunft der Kings Of Leon lässt sich auf ihrem neuen Werk "Aha Shake Heartbreak" nur schwer überhören. Schnörkellose Rhythmik und Minimal-Licks der Lead-Gitarre lassen es erahnen, Calebs Gesang beseitigt alle Zweifel: Da sind vier kernige Südstaaten-Jungs am Werk. Denen ist aber die Southern-Rock-Schiene viel zu schmalspurig und deswegen streuen sie wie in "Razz" auch mal ein Garage-Riff ein, dass den Hives ale Ehre machen würde.
Beachtlich ist die Geschwindigkeit, mit der das Album vorgelegt wurde. Die vier Followills scheinen einen wahnsinnig hohen kreativen Output zu haben. Sie schrieben die meisten Songs "on tour", die Scheibe war bereits im Juni fertig. Nach den Aufnahmen gingen die Kings direkt wieder in den Festival-Sommer und releasten Anfang Herbst die erste Single "The Bucket".

Was "The Bucket" versprach, hält das Album allemal. Der erste Track "Slow Night, So Long" wird getragen von der melodischen Basslinie des Jüngsten der Gruppe, Jared, gipfelt in rohen Akzentverschiebungen und wird in einer schwül-jazzigen Coda aufgelöst, aus der andere Bands einen eigenen Song gemacht hätten. Das Ganze geht nahtlos in den zweiten Track "King of the Rodeo" über. Generell scheinen die vier Followills Gefallen daran zu finden, den geneigten Hörer ab und an mit den letzten 30 Sekunden eines Stücks nochmal rumzureißen, als hätten sie die ganze Zeit nur Fez gemacht. Man hat den plötzlichen Uptempo-Wechsel in "Taper Jean Girl" kaum verarbeitet, da isses auch schon vorbei. Und der letzte Basston klingt noch, da rockt´s schon wieder mit "Pistol of Fire". Unvermittelt kommen Zäsuren. "Day Old Blues" ist an Melancholie kaum zu übertreffen, "Rememo" ist herrlich ironisch und getragen und klingt ein wenig, als wäre es am Abend eines sehr sehr heißen Tages entstanden. "Milk" ist eine atmosphärische Nummer, bei der es einen fast zerreißt: Ein endloser Spannungsbogen (90 Sekunden waren selten so lang) und nach vier Minuten (der längste Track!) die Gewissheit, dass man die Kings of Leon noch immer nicht begriffen hat, selbst wenn man das erste Album seit Weihnachten 2003 jeden Tag im Auto hört und das neue seit zwei Wochen im CD-Spieler liegen hat.

Die Kunst der Kings Of Leon besteht darin, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. (Dass man dazu keine Ahnung von Musiktheorie haben muss, beweist ein Interview des Nesthäkchens Jared Followill in der aktuellen Gitarre&Bass.) Die handlichen, kompakten Lieder von Straightforward-Rock bis zu ernsteren Stilübungen wirken gleichzeitig aussagekräftig und trotzdem offen. Es fällt schwer sich an ihnen satt zu hören.

Nicht nur der Nachname der Vier ist aus einem Guss, sondern auch "Aha Shake Heartbreak". Diese Stärke der Kings Of Leon ist gleichzeitig auch der einzige Kritikpunkt. Denn so verspielt und eingespielt Caleb, Nathan, Jared und Matthew auch sind, live auf der Bühne scheint es immer, als musizierten sie im Studio oder - besser noch - in einer der Kirchen, in denen sie auf Wanderschaft mit dem Predigervater Leon Followill aufgewachsen sind.
(Christian Erll, Radio Q)

Band: : http://www.kingsofleon.com;
Label: http://www.bmg.de

On Tour:
16.11.2004 München (D), Georg-Elser-Halle;
19.11.2004 Hamburg (D), Große Freiheit;
20.11.2004 Berlin (D), Huxley´s Neue Welt;
02.12.2004 Köln (D), Live Music Hall

Anspieltipps

  • The Bucket, Track 6
  • Taper Jean Girl, Track 3
  • Pistol Of Fire, Track 4
  • Razz, Track 8
  • Soft, Track 7

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