Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 48/2004

Albumcover

Kinderzimmer Productions
Irgendjemand muss doch

Kinderzimmer Productions mit neuem Album - irgendjemand muß doch.

Was soll das, zehn Jahre im Rap Business, irgendwann sogar auf´m Major, eine beachtlich steife Latte an brettharten Alben rausgebracht und immer noch "alles Arbeit und kein bißchen Rock´n´Roll"? Und Respekt in der Szene auch Fehlanzeige; nicht mal Denyo (Beginner) erkennt dich noch backstage? Fuck you!
War´s das dann bald? "Weg vom Fenster" wie die Stiebers und das Kinderzimmer in Ulm als letzter Rückzugsraum für Textor und Quasi Modo; deutscher HipHop auf hohem Niveau aber weit im Abseits? C´mon, ich dachte ihr "gebt keine Konzerte, sondern feiert Messen"!

Spätestens seit 1999 und der ´hohen Kunst der tiefen Schläge´ wissen WIR, daß Kinderzimmer Productions "fett viel besser sind als das ganze Zeug" , als der erbärmliche Rest der Abziehbildchen einer medialen Wegwerfwelt. Doch ´99 ist lange her, und inhaltlicher Anspruch an die eigenen Texte und musikalische Vielseitigkeit werden im Music Biz immer noch klein- bis abgeschrieben. Angeschlagene Musikkonzerne brauchen heute austauschbare Gesichter, altersgruppenkonforme Konsumwünsche, cross-media-promotion und product placement, gleichgeschaltete Öffentlichkeiten und glattgebügelte Programmformate. Üübrigens, demnächst fehlen "Fast Forward" und "Mixery Raw Deluxe" bei VIVA.
Fragt sich, wohin mit deutschem Rap in dieser Welt, "fuck Glamour…genieß den Rückzug ins Private" oder als Aggro Ansage (Sido) in x-ter Ausgabe enden?
Nein danke. Hier ist Entschlossenheit gefragt. Entschlossenheit, der Stolperstein zu sein, den "Stimmbruch der Vernunft" zu mimen, "also so laut zu sein, daß man auch gehört wird, und sich auf keinen Fall davon zurückhalten zu lassen, daß die äußeren Umstände schlecht sind" (Textor). Und schon sind wir beim neuen Album "Irgendjemand muß doch" und Kinderzimmer Productions müssen - DIE auf jeden! - es rauslassen. Aber langsam, so leicht war´s bis hierher dann doch nicht.

Die Pleite ihres Vertriebs EfA und der Wechsel von Virgin zurück auf ihr eigenes Label mußten Sascha (aka Quasi Modo) und Henrik (aka Textor) wie eine riesengroße Ungerechtigkeit vorkommen. Ganz so wie damals, als es für sie noch "ab ins Kinderzimmer, und zwar ohne Abendessen" hieß.
War doch ihr letzter Tonträger ´wir sind da wo oben ist´ (2002) eine exakte Standortbestimmung und weit, ganz weit vorn auf deutschem HipHop-Felde. Abseits eingetretener Deutsch-Rap-Pfade testete Textor immer wieder seine unglaubliche ´Mikrofonform´. Er bewies über ganze Albumlänge sprachlichen Fein- und Hintersinn mit Biss und Quasi Modo trotz anders lautenden Titels, dass er nicht die Kontrolle über ein Feuerwerk von Samples verlor.

Doch das war gestern, heute ist 2004. Mittlerweile ist ein neuer Vertrieb (RoughTrade) im Boot die Donau runtergekommen - die Welt erwartet eine neue Kinderzimmer-Produktion. Und ja, Quasi Modo und Textor haben das Kinderzimmer verlassen, um "es nach allen Regeln der Kunst" wieder laufen zu lassen, das Pferd, auf das wir alle setzen, deutschsprachigen Rap, der die Meßlatte hebt.
Dann, 15. November, es ist soweit, das neue Machwerk aus der Ulmer Beatschmiede wird veröffentlicht. Schon die Vorab-EP "Ich bin, du nicht sicher" mußte dem ganzen Rest der Rapper-Innung den Angstschweiß auf die Stirn treiben. Konnten doch gerade die Vertreter der "BitchIschBattleDischUndDeineMudda"-Fraktion das Außmaß des Rückschlags aus Ulm nicht genau einschätzen. Irgendwo zwischen "Mehr oder weniger"´ und der Frage "Wo ist mein Kopf" konnten sie nicht ahnen, daß IHR "IQ sicher nicht die Meßlatte ist" für das, was da auf sie zukommt. Ihnen und ihren Fans lassen Kinderzimmer Productions mit dem neuen Album "die Luft aus ihrem Luftschloß" - irgendjemand muß doch. So verkündet Textor folgerichtig in "Rrrhh, Rrrhh": "wer mich nicht kennt, rennt nicht - wer mich kennt, rennt" und in "Aggressionsmanagement", dass "nun im wahrsten Sinne des Wortes zurückgekotzt wird".

Wie? In 14 Tracks mit pumpenden Bässen, stoßenden Mitten und glasklaren Höhen, zappeln assoziative Sprachspiele irgendwo zwischen Beastie Boys, Dieter Thomas Heck, Adorno und der eigenen Biographie, alles natürlich mit "Attitüde bretthart". Wer bist du, mich dran zu hindern? Wobei der dreizehnte Titel, exakt 13 Sekunden lang und nichts als die Ansage "13" ist. Was soll das, fragt man sich. Textor liebt es, Stolperstein zu sein, remember? Und man stopert drüber, klar: Ziel mit Minimalaufwand erreicht.

Mehr Aufwand haben die Kinderzimmer Jungs für die (erstklassige) Produktion betrieben. Das Album ist gut abgemischt, Textors Stimme, prominent im Vordergrund, klingt entschlossen; "DER Schuh drückt dich, DER Schuh kickt dich". Die beiden fahren aber diesmal keine gewohnte Schiene beim Sampling. Textor, seines Zeichens Musizierpreisträger und geübt u.a. am Kontrabass, komponierte eigens Musikstücke, die von ihm selbst eingespielt und dann als Sample-Basis benutzt wurden. Und natürlich, wie sollte es auch anders sein, hat Quasi Modo diesmal wieder jede Menge fiepende, klimpernde und sonst sperrige Soundschnipsel eingebaut. Irgendwie Rrrhh, Rrrhh - wie eine Rumbagurke. Herausgekommen sind eingängige Loops aus Gitarren zu schnellen, treibenden Beats, stampfende Rhythmen im Titeltsong, der so deep ist, wie einst der gleichnamige Mobb oder wabernde Schwaden eines dicken Tiefbassnebels in "Mein Ding".

Und diese Platte ist wirklich "gut Ding und will Weile haben". Abwechslungsreiche Beats und anspruchsvolle Lyrik zugleich. Ist das noch HipHop? Wie soll man es sonst nennen? Wer Lasagne al forno auf Adorno und Panda Porno reimt, HAT was zu sagen. Eigentlich wie gehabt, Textor tritt auf, und alle Konventionen wanken: "hier geht mehr als einiges, einiges mehr" ("Aggressionsmanagement").
Assoziation ist das Stichwort. Klingt schwer? Nein, dieses Album will gehört werden, so remember "die hohe Kunst der tiefen Schläge" und die Arbeitsanweisung von damals: "écoutez et répétez". Dann klappt´s auch mit dem Mitkommen. Vorbei kommt man Textor eh nicht , man muß durch ihn durch und seine Wortakrobatik mitmachen. Assoziationsketten und Wortspiele, die ein ums andere Mal zwischen mehreren Bedeutungsebenen springen, sind seine Spezialität. Kostprobe? "der Flavour Flav heißt jetzt Geschmack Geschma´-Übersetzer / der: "ich bin so radikal mein Freund war früher mal Hausbesetzer!" / geschmackvoll frisiert - Günter Netzer / alles schon ausprobiert, ja ich habe mir die Schamhaare hochtoupiert" oder "Ernährung - Erasco, kalt wie Gaspacho / das schmeckt echt schlecht, aber ey so Macho / mucho Macho Mad Max Gibson / weil ich mein Klo selber putze, pinkel ich im Sitzen".
Titel wie diese klingen nicht nach leicht verdaulich. Nein - "DER Schuh drückt dich, DER Schuh kickt dich".

Nebhenher gibt´s auch immer wieder Episoden aus Henriks Kindheit, Erinnerungen ans Kinderzimmer, als es noch eines war: "ja Mama, lieb sein, Lippen spitzen, Küßchen / jetzt aber raus hier, Schluß mit Kinkerlitzchen…" und wie selbstverständlich die "richtigen" Verweise ("du und deine Boys seid Toys, ich mehr Beastie….") ins HipHop System.

Respekt auf der ganzen Linie! Definitiv nach Beastie Boys, "To The 5 Boroughs" das zweitwichtigste HipHop Album des Jahres! Bleibt zu hoffen, daß Textor und Quasi Modo bei ihren alten HipHop Platten und neuen Ideen bleiben. U-Stadt in "sell-out"-Gefahr? Nein, sie sind keine Landeier aus der Bahn, und wissen genau: "man wird nicht Großstadt vom Berlin U-Bahn Fahren"
Irgendjemand muß doch - zwei tun´s: die Jungs von Kinderzimmer Productions.
(Thomas Kempf, hochschulradio düsseldorf)

Artist: www.kinderzimmer-productions.de,

Anspieltipps

  • Der Doktor, # 3
  • Irgendjemand muss doch, # 8
  • Irgendwo zwischen, # 5
  • Rrrhh, rrrhh, # 7
  • Deine Mutter und ich, # 4

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