Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 35/2012

Albumcover

Kid Kopphausen
I

Gisbert zu Knyphausen und Nils Koppruch gründen eine Band und nennen sie „Kid Kopphausen“. Und so ironisch wie bei der Wahl des Namens waren die beiden langjährigen Freunde auch bei der Gestaltung des CD-Covers: Stilsicher bedient man sich hier in der Bilderwelt des amerikanischen Country und Western. Doch „I“, das nun erschienene Album der beiden, erschöpft sich beileibe nicht im augenzwinkernden Zitieren. Auch wenn Knyphausen und Koppruch augenscheinlich viel gemeinsam haben (den Hang zum kauzigen Texten, die Nähe zu Element of Crime, den Anfangsbuchstaben des Nachnamens), so gibt es doch gewisse Unterschiede zwischen ihnen, die der Kollaboration vermutlich sogar gut tun: Knyphausen hat mittlerweile das, was man Erfolg nennen könnte: seine Lieder werden im Radio gespielt, er kann Musiker bezahlen. Der 14 Jahre ältere Koppruch hingegen ist nach wie vor nur Kennern ein Begrifft und lebt eigentlich von der Malerei. 

Trotzdem oder gerade deswegen ist ihnen ein abwechslungsreiches, ein spannendes Album gelungen und sie haben uns „Blumen und Pralinen aus dem Arsch der Hölle mitgebracht“ ( „Das Leichteste der Weltt“). Aufgenommen wurde in Koppruchs Studio in der Nähe vom Schanzenviertel in Hamburg, die schwarzweißen Bilderstrecken auf dem Facebookprofil der Band zeigen elegante Herren in abgewetzten Zweiteilern. Neben den Namensgebern fungieren auf dem Album übrigens auch Marcus Schneider (Gitarre), Felix Weigt (Cello, Bass, Tasten) und Alex Jezdinsky (Schlagzeug) und veredeln Kid Kopphausen zum Quintett. Knyphausen und Koppruch bestechen in der für deutschsprachige Künstler schwierigsten Disziplin: Deutsch zu singen, ohne dass es peinlich wird (selbst Blumfeld, eine der besten deutschen Bands der vergangenen Jahrzehnte, sind auf diesem Feld mitunter ins Straucheln geraten). Das zeigt sich bei dem Stück „Im Westen nichts Neues“ bereits im Titel: Weniger selbstbewusste Künstler hätten das Remarque-Zitat möglicherweise effektheischend einem Wortspiel unterzogen, Kid Kopphausen lassen den Titel des Romans aber unkommentiert stehen. Schließlich haben sie im Krieg schon einmal „die Seiten gewechselt, und kein Mensch hat [sie] vermisst“. Billige Kalauer und vorhersehbare Witze hatten die beiden noch nie nötig.

Die Frage, die sich bei dieser Wahlverwandtschaft stellt, ist natürlich, ob die Kollaboration der beiden, die bereits 2008 einen gemeinsamen Song für einen Hamburger Obdachlosen-Initiative geschrieben haben, auch über Albumlänge funktioniert. Den Songs merkt man sehr deutlich an, aus wessen Feder sie jeweils stammen. So ist das Stück „Das Leichteste der Welt“ mit seinem zu Beginn zurückgenommenen und morgensonnenhaften Akustikpicking, das sich bis zum Ende des Songs in ein Folkfeuerwerk verwandelt, sehr deutlich Gisbert zu Knyphausen zuzuordnen; das darauf folgende, zurückgelehnte und von einer Slide-Gitarre begleitete „Im Westen nichts Neues“ eben Nils Koppruch. Und so wechseln sie sich ab, die Country- und Indie- und Folkgewürze, Song für Song, und ergeben etwas, was Kid Kopphausen im Interview mit der „Zeit“ schlicht mit „Rock“ bezeichnet haben. Das Highlight des Albums haben die beiden selbstbewusst ganz an den Schluss des Albums gesetzt. Die „Mörderballade“, die eigentlich auch eine Liebesballade ist und deren düsterer Beginn ein ganz klein wenig an das legendäre „17“ von Tocotronic erinnert: „Es war im August '95 im Hartz/ der Himmel war schwarz, oh so schwarz“ So zu texten muss man sich erstmal trauen. Doch Knyphausen, über den die Welt einst schrieb, dass er „in der Diktion des vergangenen Jahrhunderts dichte" weiß, dass gerade solche schlaglichtartigen Zeilen in seinen manchmal abseitigen Texten funktionieren.

„I“ ist in der immer noch unruhigen, von Umbrüchen und Existenzängsten geplagten Musikwelt ein clever angelegtes Projektalbum, in dem sich zwei hoch sympathische Liedermacher verschiedener Generationen treffen, um ein Album von leidenschaftlicher Beharrlichkeit aufzunehmen. Die Veröffentlichung begleitend kreieren sie zudem eine Bilderwelt, die klar macht, dass die beiden nicht erst seit gestern Musik machen und dass sie mit der schillernden Popwelt nach wie vor nichts gemine haben (wollen). „Wär ich ein Dichter, ich hätt' es besungen/ und es hätte wundervoll zart/ ja fast himmlisch geklungen.“ Man möchte Knyphausen in den Arm nehmen und sagen: Gisbert, das brauchst du nicht im Konjunktiv sagen. (Nils Demetry, CampusFM)

Anspieltipps

Im Westen nichts Neues, #4
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Mörderballade, #11
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Das Leichteste der Welt, #3
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Haus voller Lerchen, #9
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Jeden Montag, #2
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