Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 11/2005

Albumcover

Kettcar
Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen

Frühjahr 2003, ein paar junge Männer in einem alten VW Polo auf dem Weg nach Hamburg. Etwa 50 Kilometer vor dem Ziel wift der Fahrer eine Kassette in das Tapedeck. Pünktlich zur Fahrt über die Elbbrücke erklingt dieses Lied: "an den Landungsbrücken raus, dieses Bild verdient Applaus / und noch 200 Meter und jetzt geht der Fallschirm auf / jetzt geht der Fallschirm auf, na dann herzlich willkommen zuhaus / und ein letztes Mal winken und ich bin raus" Ein Moment, der einen von da an begleitet. Einer, der die ganze Fahrt wert war. Dementsprechend wuchs die Erwartung an das neue Kettcar-Album.

Ende Januar 2005: Der langersehnte Moment steht kurz bevor: "Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen" ist er betitelt. Die jungen Männer sitzen zusammen in der Küche, an der Wand ein riesengroßes Astra-Poster. Bierflaschen machen die Runde. Sie lauschen gespannt der endlich ergatterten äußersts raren Vorab-Promo des neuen Werkes.

Als allererstes dann "Deiche", ein Song so treibend und so schön, dass sich die Befürchtungen zerstreuen, Marcus Wiebusch und seine Kumpanen hätten vergessen wie man rockt. Gleich wird diskutiert, warum denn dieser Song nicht als erstes ausgekoppelt wurde, sondern das langsame "48 Stunden"? Es geht weiter und na ja, es wird ruhig: "Die Ausfahrt zum Haus deiner Eltern". Ein Stück, dessen Tiefe einem nicht im ersten Moment aufgeht. Doch da: "Also wo fängt´s an, wann wird es enden / mit Spatzen und Tauben, Dächern und Händen / die Welt voller Männer, das Leben eines Jungen / erst so gewollt und dann halt verschlungen"

Zumindest der Albumtitel ist jetzt entschlüsselt. Ein Schluck aus der Flasche. Als nächstes, das schon hinlänglich bekannte "48 Stunden". Balladesk und verträumt schnurrend, ein Song, der den Blick für die kleinen Dinge schärft und es doch noch in die Herzen der jungen Männer schafft. Und dann -gottseidank - wieder ein schnelles Stück: "Einer". Im ersten Moment erinnert es irgendwie an "MfG" von den Fanta 4, aber, hey Jungs, das hier sind immer noch "Kettcar" und so bleibt es nicht bei der Aneinanderreihung von Abkürzungen: "Etwas das in Stücke reißt / etwas das zusammenschweißt / ein Flickenteppich der Leben heißt / und das Gegenteil beweist / von dem was ist".

Neues Bier wird verteilt, die Flaschen machen ein bißchen Musik, gerade rechtzeitig zum "Tränengas im HighEnd-Leben". Ja, Kettcar haben nichts verlernt. Titel wie Plakate - für solche Songtitel wird Marcus Wiebusch verehrt. Und dann auch noch ein Zitat aus dem "Leben des Brian". Die jungen Männer sind überzeugt. Schnell noch eine Zigarette angezündet und dann weiter zu "Balu": "Manche sagen es wär einfach / ich sage es ist schwer / du bist Audrey Hepburn und ich Balu der Bär". Reichlich Identifikationspotential. Noch eine Flasche! Aber nicht zu laut angestossen, lieber andächtig lauschen. Und dann ein neuer Lieblingsatz aus der Feder von Marcus: "Manche sagen es wär einfach / ich sage es ist heikel / du bist New York City, und ich bin Wanne-Eickel"

Sind da Tränen des Glücks in den Augen der jungen Männer zu sehen? Nicht doch. Ohne Pause geht es weiter. Kryptischer geht es wahrlich nicht als mit diesem Titel: "Stockhausen, Bill Gates und ich". Wer ist den dieser Stockhausen? Einer weiß die Antwort: Karl Heinz Stockhausen=zeitgenössischer Komponist. Aber was soll denn das mit dem säuselnden Kinderchor? Doch mittlerweile sind die jungen Männer bereit, Kettcar alles zu verzeihen. Spätestens beim gebrochenen Daumen von Carlos Santana sind sie wieder versöhnt. Mehr Bier! Wer hat noch Zigaretten? Die nächsten beiden Songs "Anders als gedacht" und "Die Wahrheit ist, man hat uns nichts getan" wirken so vertraut, als ob man sie schon ewig kennen würde. Zwei alte Freunde die freudig in der Runde begrüsst werden. Die Stimmung ist euphorisch. Mit "Handyfeuerzeug gratis dazu" ein letzter, schneller Song. Genau richtig gerade jetzt. Und dabei wunderbar selbstironisch: "Das Leben ein Freeway, die Seele bei eBay /
Kettcar gehen zum Lachen in den Keller / als Powerseller".

Die neue Scheibe ist am Ende angelangt. Es wird ein letztes Mal ruhig. Mit Kettcar geht es durch die "Nacht". Alles was über das Thema Liebe gesagt werden muss, wird gesagt und nicht ein Wort zuviel verloren. Doch der Abend ist noch nicht zu Ende. Es herrscht nachdenkliches Schweigen bei den jungen Männern. "Wollen wir noch losziehen?", fragt einer. Der Gastgeber steht auf und drückt Play: "Es ist noch Bier im Keller". Alle bleiben sitzen und es geht von vorn los. Danke Kettcar. (Daniel Grimm, Radio Q)

Künstler: www.kettcar.net; Label: www.ghvc.de

Anspieltipps

  • 48 Stunden, Tr. 3
  • Stockhausen, Bill Gates und ich, Tr. 7
  • Handyfeuerzeug gratis dazu, Tr. 10
  • Balu, Tr. 6
  • Deiche, Tr. 1

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