Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 49/2010

Albumcover

Kanye West
My Beautiful Dark Twisted Fantasy

„My Beautiful Dark Twisted Fantasy“ betitelt Kanye West sein nunmehr fünftes Soloalbum und lässt den Hörer somit von Anfang an wissen, auf welche narzisstische Odyssee man sich auch diesmal wieder mit dem jungen Randalemacher aus Chicago begeben wird. Dabei stellt sich konsequent als erstes die Frage: Ist man auch wirklich bereit für die düsteren Fantasien eines Kanye West, der zuletzt weniger mit seiner Musik für Furore sorgte, als vielmehr mit peinlichen Auftritten in der Öffentlichkeit und Pöbeleien gegen alles und jeden, der seinem Genie nicht den gebürtigen Respekt zollte? Und wie viel „beauty“ kann man vor diesem Hintergrund eigentlich erwarten? Von Obama höchst persönlich als Idiot geadelt, verspricht es interessant zu werden, dem auf den Grund zu gehen.

Gleich das Artwork bieten den ersten kleinen kalkulierten Aufreger, zumindest wenn man christlich, weiß und amerikanisch ist. Betrachtet man das von George Condo realisierte Artwork jedoch genauer, liefert es erste Hinweise darauf, dass die Reise diesmal vielleicht doch in eine andere Richtung gehen könnte. Zu sehen ist eine groteske Karikatur von Kanye, der nackt samt enthemmenden Alkohol auf einem Bett liegt. In Erwartung einer weißen Frau, die auf ihm reitet. Das ist natürlich zu viel Sex, so dass das Cover in diversen Märkten in den USA ausgetauscht wurde. Da rettet auch nicht der Link zur Phönix-Figur, denn die Frau hat Flügel statt Arme. Und wer sich in der griechischen Mythologie ein wenig auskennt wird erahnen können, dass es sich bei dieser Darstellung wohl um eine Wiedergeburtsinszenierung handeln dürfte.
 
Wieviel Phönix steckt also in diesem Werk? Wir wollen bei Kanye nicht soweit gehen und mutmaßen, es könnte sich bei dem Album vielleicht auch um einen Resozialisierungsversuch handeln, aber es geht definitiv um Veränderung, Verwandlung und sicherlich auch um die Innovation, die dabei nicht ausbleiben. Für die Aufnahmen zum neuen Werk, wählte Kanye das Exil in den Avex Recording Studios auf Honolulu und ließ die letzten beiden harten Jahre hinter sich, um in seinen „beautiful dark twisted fanatsies“ zu versinken. Dass es nach dem zusammen mit Jay-Z propagierten „Death Of Autotune“ anders klingen wird, war zu erwartet. Das neue Album setzt auf viel mehr Pop- und R’n’B-Samples und erinnert wenig an das „808“-Experiment zuvor. Er dreht die Zeit ein wenig zurück. Dorthin, als die Samples noch aus der MPD kamen.
 
Dennoch schreit Werk nahezu nach Aufmerksamkeit, ist grell und vielseitig. Und natürlich wie immer bei Kanye West: Höchst eingängig. Fast jeder einzelne Song eignet sich als Singleauskopplung. Das stampfende „Lost In The World“ mit den verdreheten Autotune-Vocals eignet sich als Hymne ebenso wie das für den amerikanischen Markt wie zugeschnittene Urbanthema „All Of The Lights“. Die ganzen Emotionen der schwierigen Vergangenheit finden ihr Highlight in den düsteren Samples, lauten E- Gitarrenmassakern und Rap der Crème de la Crème der amerikanischen HipHop Szene – alleine „Monster“ wartet mit folgender Featuring-Liste auf: Bon Iver, Jay-Z, Rick Ross und Nicki Minaj. Nichtsdestotrotz finden sich auf „Beautiful Dark Twisted Fantasy“ auch poppige Songs und man könnte meinen, Kanye versucht mit diesem Album eine noch breitere Masse einzubinden, als er es als Millionenseller sowieso tut. Es gibt dabei kein wirkliches Konzept, das Gefühl der „twisted Fantasy“ bekommt der Hörer, wenn sich Songs wie „All Of The Lights“, in denen Kanye hauptsächlich über Beziehungsprobleme spricht, mit Songs wie „Monster“ abwechseln, in denen er der Gesellschaft verbal den Rücken zukehrt und die gewohnte „Kanye-Arroganz“ an den Tag legt.  Auch die anderen beiden Singleauskopplungen „Power“ und „Runaway“ gehen diesen thematischen Spagat von „Power“ ein. Kanye lässt sich ironischerweise über die Kehrseite des Erfolgs aus (seine Ansprüche an sich selbst sind schier unerfüllbar) und „empfiehlt“ in „Runaways“ zusammen mit Pusha T der Frauenwelt, sich aus dem Staub zu machen, weil sie nicht sicher in ihrer Nähe sind. Ein wenig schade sind solche Passagen, denn diese Vulgarität und das Rollendenken sind der klischeehafte Rap-Standard, den Kanye West mit seinen Alben eigentlich überkommen will.
 
Neben diesen Songs überraschen aber auch solche wie „So Appelled“ mit einem großartigen Manfred-Mann-Sample, bei dem sich neben Kanye, Jay-Z, Pusha T, Prynce Cy Hi, Swizz Beatz und The RZA einen aggressiven Schlagabtausch liefern und über eine Länge von sechs Minuten eine Ansage nach der Anderen raushauen. An Abwechslung mangelt es diesem Album nicht: Oldskool-Raps, dickbäuchige Beats, R’n’B-Wendungen und Lollipop-Melodien. Dreizehn Songs ist das Album stark, die sich alle mehr oder weniger voneinander unterscheiden und sich erst zum Schluss zu einem riesigen Mosaik zusammenfügen, das die urbane Mainstreampopwelt der letzten Jahre schlichtweg zusammenfasst. Am Ende hat man einen kleinen Einblick in Kanyes „twisted mind“ bekommen und schaut durch dieses Mosaik wie durch das Kirchenfenster einer kleinen Kathedrale, die den Blick auf den selbsternannten Retter des Raps freigibt. Oder, wie Kanye es in „Hell of a life“ sagt, „We headed to hell for heaven's sakes, huh? Well I'mma levitate, make the devil wait, yeah“. (Alexander Kochanek, hochschulradio düsseldorf)
 
VÖ: bereits erschienen
 
Links: Künstler | Label

 

Anspieltipps

Runaway, #9
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Monster, #6
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Lost In The World, #12
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Devil In A New Dress, #8
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All Of The Lights, #5
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