Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 35/2003

Albumcover

Kaizers Orchestra
Ompa Til Du Dør

Auf dem Albumcover prangt er: Mister Kaizer. Ein Logo, ein Idol, ein Veteran. Im Kampfanzug blickt er durch die überdimensionierten toten Bullaugen einer schwarzen Gasmaske. Stumm, bedrohlich und grotesk. Was darf man von einer Band erwarten, die Gasmasken zu ihrem Symbol statuieren? Die einfache Antwort: Alles, nur nicht Gewöhnlichkeit. Latenter Militarismus als Spaß-Doktrin.

Das Kaizers Orchestra gründete sich 1997 in der norwegischen Musikmetropole Bergen und ist in seiner Heimat längst etabliert. Das Album „Ompa Til Du Dør“ erschien dort schon vor zwei Jahren und ist die erfolgreichste Veröffentlichung in norwegischer Sprache aller Zeiten. Nun bringt das obskure Sextett ihr Meisterdebüt nach Deutschland um auch Kontrolle über den Rest des Kontinents zu übernehmen. Noch nie war man über eine Besatzungsmacht derart glücklich und voll hochgesteckter Erwartungen. Erwartungen, deren Erfüllung nicht lange auf sich warten lässt.

Schon der Opener „Kontroll På Kontinentet“ kommt mit einem stampfenden Rhythmus daher, macht alles platt, was sich ihm in den Weg stellt. Verstärkt durch die wunderbar schief gestimmte Pfeifenorgel und die Energie der variablen Percussioneinheit kommt so der unverwechselbare Kaizers-Sound zustande, der sich nebst aller Rock´n´Roll-Anleihen auch aus der Trickkiste der osteuropäischen Folklore bedient. Herumstreunende Polka trifft auf kabarettistische Zigeunermarschmusik trifft auf wodkagetränkte Seemannslieder, deren Seegang man tief im Inneren noch spürt. Eine eigenwillige Dynamik macht sich selbständig. Destruktiv, unkonventionell und absolut schweißtreibend. „Ompa Til Du Dør“ –„Ompa bist du umfällst“- lautet der programmatische Titel der ersten Single. Der behäbigen Beschwerlichkeit des Anfangs weicht unaufhaltsam einem Inferno von Song. Pipeorgel, Trompeten, Violinen und immer wieder die einzigartigen Percussion-Attacken auf Ölfässer und alles andere vom Schrottplatzgefüge. Stomp ist überflüssig, denn es gibt jetzt eine Band, die ein vom Topfschlagen auf diversen Kindergeburtstagen herrührendes Trauma exzessiv auslebt. Aus dem strengen und masseninkompatiblen Industrialsound synthetisieren sich geschickte Melodienführungen und polkageschwängerte Rhythmen, die mit langsamen Schunkelliedern und intensiven Popsongs um die Vorherrschaft rangeln. Authentisch und detailverliebt mit Mandoline und Piano regieren die Soundspielereien bei „Rullett“ und legen originelle Songstrukturen offen, während „Dr. Mowinckle“ bei solchem Perkussions-Bombast wohl endgültig nicht mehr stillsitzen kann. Direkt, ungestüm und vielleicht doch ein wenig verrückt. Bei „Resistansen“ zeigt die Tempo-Kurve weiter steil nach oben und gipfelt explodierend in hemmungslosen „Hallelujah“-Orgien. Die Fusion von Band und Publikum auf einer Ebene der erhabensten Glückseligkeit und Erschöpfung ist erreicht. Von dort an kann es doch eigentlich nur noch bergab gehen...
Aber spätestens bei „Bak Et Halleluja“ ist es wieder da. Dieses Gefühl, diese Energie, dieser Charme. In zwei Minuten schafft es die Band die Essenz ihres Schaffens darzustellen: Phantastisch einfaches Songwriting, unterschiedlichste Stimmungslagen zwischen melancholischen Winterabenden und heiter-tänzelnden Runden am Lagerfeuer, exerzierende Basslinien, die akkordeonfarbige Heimorgel und der geniale Einsatz unterschiedlichster Resonanzkörper.

Wortfetzen wie „Revolver“, „Russisches Roulett“, „Absolut Vodka“ und immer wieder „Hallelujah“, die aus dem norwegischen Sprachwirrwarr herausstehen, komplettieren das ohnehin schon originelle Bild einer norwegischen Truppe, die immer etwas mehr als nur Musik abseits aller plattgetrampelten Pfade macht. Rockmusik als einnehmender orchestraler Tornado.

Das stellt die Band im besonderem Maße bei jedem ihrer begeisternden Auftritte unter Beweis: Bizarr und skurril mutet zuweilen das Bühnenbild an und ist Teil des Konzeptes: Während Mr. Kaizer vom Background-Banner angsteinflößend herabschaut, betritt die Band mit Gasmasken und Anzügen bekleidet das Podium. Polka und Militär = Spaß und Verwirrung! Im Stechschritt, die Instrumente angewinkelt, starten die Gitaristen synchron von einem Ende der Bühne zum anderen. Das Profil des Pianisten an der antiken Pfeifenorgel gespenstisch im Gegenlicht erstarrt. Hitchcock-like wabert das Trockeneis um die nimmermüden Füße. Gasmasken und Wehrmachtshelme. Überladen von Wiedersprüchen, die aber angesichts von als Barrégreifer umfunktionierten Mikrofonständern, umjubelten Gitarrensoli auf Knien und exstatisch traktierten Ölfässern, Blechplatten und Radfelgen völlig in den beifalltosenden Massen untergehen. Der Präzisionsmotor läuft auf Hochtouren und man ertappt sich dabei erhobenen Armes unreflektierte Parolen den Musikern entgegenzuschleudern: „Save The Kaizer!". Manipulation ist so leicht. Und hat noch nie so viel Spaß gemacht!

Schunkelnd, trompetenlastig, kitschig und mitsing-gerecht fasert das Album aus: „Mr. Kaizer, Hans Constanze Og Meg“ ist das, was man im Volksmund ein charmant deprimierendes Abschiedslied nennt. Abschied von „Vodka, Kalinka, Rullett, Kaviar“. Abschied von Gasmasken, verstörender Polka, zerbeulten Ölfässern und natürlich Mr. Kaizer, der uns noch immer mit überdimensionierten toten Bullaugen einer Gasmaske vom Albumcover entgegenlächelt.

(Text: Markus Wiludda, eldoradio 93.0)

BAND: www.kaizers.no

LABEL: www.piasrecordings.de

Anspieltipps

  • Dr. Mowinckel #6
  • Ompa Til Du Dør #2
  • Bak Et Halleluja #10
  • Take Kontroll På Kontinentet #1
  • Resistansen #8

Hier könnt Ihr Kaizers Orchestra: Ompa Til Du Dør - Silberling der Woche 35/2003 sofort bestellen: amazon.de

Archiv aller Silberlinge

radiobar