Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 44/2017

Albumcover

Julien Baker
Turn Out The Lights

Natürlich ist Musik nicht an bestimmte Jahreszeiten gebunden, aber Julien Baker hätte sich für ihr neues Album kein besseres Veröffentlichungsdatum aussuchen können. Ihr zweites Werk nach dem Erstling Sprained Ankle beschreibt schon mit seinem Titel Turn Out The Lights, welche Stimmung es verbreitet. Melancholisch, zerbrechlich, minimalistisch sind beide Alben von Julien Baker, im Vergleich zum Debut wurde auf Turn Out The Lights aber mehr Geld in die Produktion gesteckt. Zur Gitarre gesellen sich jetzt auch das Klavier, hin und wieder sogar Streicher. 

Trotzdem verliert Julien Baker dadurch nichts von ihrer Nahbarkeit und Authentizität, ihre zarte Stimme und die Lyrics stehen immer noch im Vordergrund. Und die haben es in sich. Turn Out The Lights wirkt, als hätte die Singer-Songwriterin ihr ganzes Innerstes mit all der Verletzlichkeit und den Fehlern zur Sezierung offengelegt. Baker singt viel über Beziehungen, zum einen geht es um unglückliche Liebe, von der sie nicht loskommt: „I miss you the way I miss nicotine / If it makes me feel better, how bad could it be?“ Zum anderen aber auch um die schwierige Beziehung zu sich selbst wie im titelgebenden Track Turn Out The Lights: „I just wanted to go to sleep / But when I turn out the lights / There’s no one left between myself and me.“ Dieser Song ist auch ein Beispiel dafür, wie die etwas professionellere Produktion des zweiten Albums die Songs sogar noch unterstützt. Die sich zum Ende hin steigernden Gitarren und Halleffekte machen die Message nur noch eindringlicher.

Julien Bakers Religiosität fließt auch auf Turn Out The Lights wieder in die Songtexte ein, das wirkt aber nicht moralisierend, sondern einfach wie ein Teil ihrer Persönlichkeit. Für eine junge Amerikanerin aus Tennessee ist das Bekenntnis zu Gott nichts Ungewöhnliches. Wohl aber in Kombination mit der Offenheit über ihre Homosexualität. Baker ist einfach vollkommen ehrlich, auf Turn Out The Lights teilweise bis zur Schmerzgrenze. Wenn sie Dinge singt wie „The harder I swim the faster I sink“ klingt es schon sehr düster und verzweifelt. Am deutlichsten wird Bakers Hoffnungslosigkeit bei Hurt Less, indem sie offenbart, dass sie sich nicht mehr anschnallt, weil es ihr egal ist, ob sie stirbt.

Für Hörer*innen, die sich Ablenkung vom Alltag und seinen Problemen erhoffen, ist Turn Out The Lights also eher nichts. Alle anderen lernen nicht nur etwas über Julien Baker, sondern möglicherweise auch etwas über sich selbst, denn ihre Offenheit ist ansteckend. Und ganz ohne Lichtblick kommt auch Turn Out The Lights nicht aus. In Appointments sagt Baker: „Maybe it’s all gonna turn out alright / I know that it’s not / But I have to believe that it is.“

(Jacqueline Winkler, CampusFM) 

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Anspieltipps

  • Claws In Your Back #11
  • Turn Out The Lights #3
  • Happy To Be Here #8
  • Hurt Less #9
  • Appointments #2

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